Brillenglasmaterialien und Brechungsindex verständlich erklärt
Welches Glasmaterial passt zu Ihrer Sehstärke? Wir erklären Brechungsindex, Abbe-Zahl, Gewicht und Bruchsicherheit von CR-39 bis Hochindex 1,74 und Mineralglas.
Beim Brillenkauf fallen Begriffe wie 1,5, 1,6, 1,67 oder 1,74, dazu Polycarbonat, Trivex und Mineralglas. Hinter diesen Zahlen und Namen verbergen sich die Materialien, aus denen Brillengläser gefertigt werden. Sie bestimmen, wie dick und schwer ein Glas wird, wie gut es Stößen standhält, wie klar die Abbildung am Rand ist und nicht zuletzt, wie viel die Brille kostet.
Viele Menschen zahlen beim Optiker für ein hochbrechendes Glas, das sie bei ihrer Stärke gar nicht brauchen. Andere sparen am falschen Ende und tragen dann dicke, schwere Gläser, die auf der Nase drücken und das Gesicht optisch verändern. Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten Kennzahlen, stellt die gängigen Materialien vor und gibt eine praktische Orientierung, welches Material bei welcher Sehstärke sinnvoll ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Brechungsindex gibt an, wie stark ein Material Licht bricht. Je höher der Index, desto dünner kann ein Glas bei gleicher Stärke sein.
- Die Abbe-Zahl beschreibt die Farbsäume am Glasrand. Je höher sie ist, desto klarer die Abbildung. Hochbrechende Materialien haben meist eine niedrigere Abbe-Zahl.
- Bis etwa ±2 Dioptrien reicht in vielen Fällen ein Standardkunststoff mit Index 1,5; bei höheren Stärken lohnen sich 1,6 oder 1,67, ab etwa ±6 Dioptrien oft 1,74.
- Polycarbonat und Trivex sind besonders bruchfest und die erste Wahl für Kinderbrillen und Sportbrillen.
- Mineralglas ist sehr kratzfest, aber schwerer und kann splittern. Es wird heute nur noch selten gewählt.
Die wichtigsten Kennzahlen
Brechungsindex
Der Brechungsindex (n) beschreibt, wie stark ein Material Lichtstrahlen ablenkt. Je stärker die Lichtbrechung, desto weniger stark muss das Glas gekrümmt sein, um dieselbe Wirkung in Dioptrien zu erzielen. Das Ergebnis: Das Glas wird flacher und dünner. Bei Minusgläsern zur Korrektur von Kurzsichtigkeit macht sich das am dicken Rand bemerkbar, bei Plusgläsern für Weitsichtigkeit an der dicken Mitte.
Ein Glas mit Index 1,74 ist bei gleicher Stärke gegenüber einem Standardglas mit 1,5 je nach Stärke, Durchmesser und Design spürbar dünner – Hersteller nennen Werte von bis zu etwa 40 Prozent. Diese Angaben sind Richtwerte, denn die tatsächliche Dicke hängt stark von der Fassungsgröße ab.
Abbe-Zahl
Weißes Licht besteht aus verschiedenen Wellenlängen, die ein Glas unterschiedlich stark bricht. Diese Farbzerlegung (Dispersion) kann besonders am Glasrand zu feinen Farbsäumen führen, etwa bei kontrastreichen Kanten wie schwarzer Schrift auf weißem Grund. Die Abbe-Zahl ist ein Maß dafür: Je höher sie ist, desto geringer die Farbsäume. Werte über etwa 40 gelten als sehr gut, Werte um 30 können empfindliche Menschen beim seitlichen Blick bemerken. Die meisten Brillenträger nehmen die Unterschiede jedoch kaum wahr, zumal man überwiegend durch die Glasmitte schaut.
Dichte und Gewicht
Die Dichte des Materials bestimmt zusammen mit dem Volumen das Gewicht. Kunststoffe sind deutlich leichter als Mineralglas. Ein dünnes Hochindexglas ist zwar dichter als ein Standardkunststoff, durch das geringere Volumen aber oft trotzdem leichter.
Bruch- und Schlagfestigkeit
Hier unterscheiden sich die Materialien erheblich. Polycarbonat und Trivex halten enormen Belastungen stand, während Mineralglas splittern kann. Für Kinder, Sport und Arbeitsschutz ist dieser Wert entscheidend.
Die Materialien im Detail
Standardkunststoff CR-39 (Index 1,50)
CR-39 ist ein organisches Kunststoffmaterial (Allyldiglykolcarbonat), das seit den 1940er-Jahren eingesetzt wird und lange den Standard bildete. Es bietet mit einer Abbe-Zahl von rund 58 eine ausgezeichnete optische Qualität, ist leicht und preiswert und lässt sich gut einfärben – ideal für Sonnenbrillen mit Stärke. Nachteile sind die größere Dicke bei höheren Werten und eine geringere Bruchfestigkeit als bei Polycarbonat. Ohne Hartschicht ist CR-39 zudem relativ kratzempfindlich, weshalb fast alle Gläser heute beschichtet werden.
Polycarbonat (Index etwa 1,59)
Polycarbonat ist ein thermoplastischer Kunststoff, der auch in Schutzvisieren und Sicherheitsverglasungen verwendet wird. Er ist extrem schlag- und bruchfest, leicht und blockiert UV-Strahlung bereits vom Material her. Deshalb wird er häufig für Kinderbrillen, Sportbrillen und Schutzbrillen empfohlen. Die Kehrseite ist eine niedrige Abbe-Zahl von etwa 30, was empfindliche Menschen am Rand als Farbsäume wahrnehmen können. Ohne Hartbeschichtung verkratzt Polycarbonat zudem leicht. Für bruchgefährdete Situationen überwiegen die Vorteile aber klar.
Trivex (Index etwa 1,53)
Trivex ist ein Urethan-basierter Kunststoff, der ähnlich bruchfest ist wie Polycarbonat, aber eine deutlich bessere Abbe-Zahl von etwa 43 bis 45 aufweist. Es ist das leichteste der gängigen Brillenglasmaterialien und eignet sich besonders für randlose Bohrbrillen, weil es an den Bohrungen weniger zu Rissen neigt. Wegen des niedrigen Index werden Trivex-Gläser bei hohen Stärken etwas dicker als Polycarbonat. Trivex ist nicht bei allen Optikern Standard, lohnt sich aber als Nachfrage für Kinder und Sportler.
Mittelbrechender Kunststoff (Index 1,60)
Gläser mit Index 1,60 sind ein guter Kompromiss für mittlere Stärken. Sie sind spürbar dünner als 1,5er-Gläser, die Abbe-Zahl liegt meist um 40 bis 42 und damit noch im guten Bereich. Zudem sind viele 1,6er-Materialien recht stabil und für Bohrbrillen geeignet.
Hochbrechender Kunststoff (Index 1,67)
Ab etwa ±4 Dioptrien wird häufig Index 1,67 empfohlen. Die Gläser sind deutlich dünner und flacher, die Abbe-Zahl liegt bei etwa 32. In Kombination mit einem asphärischen Design und einer guten Entspiegelung erhält man ästhetisch ansprechende Gläser auch bei höherer Fehlsichtigkeit.
Höchstbrechender Kunststoff (Index 1,74)
1,74 ist der höchste derzeit verbreitete Index für Kunststoffgläser. Er wird vor allem bei hoher Kurzsichtigkeit ab etwa −6 Dioptrien eingesetzt. Die Gläser sind die dünnsten Kunststoffgläser, aber auch die teuersten, die Abbe-Zahl ist mit etwa 33 relativ niedrig, und das Angebot an Glasdesigns und Tönungen ist teilweise eingeschränkt. Bei schwachen Stärken bringt 1,74 kaum einen sichtbaren Vorteil.
Mineralglas (Silikatglas, Index 1,5 bis 1,9)
Echtes Glas war lange das einzige Brillenglasmaterial. Es ist sehr kratzfest, optisch hervorragend und in hochbrechenden Varianten bis Index 1,9 verfügbar. Dem stehen ein hohes Gewicht und die Gefahr des Splitterns gegenüber. Bei Stößen kann Mineralglas brechen und das Auge verletzen, weshalb es für Kinder und Sport nicht geeignet ist. Heute machen Mineralgläser in Deutschland nur noch einen kleinen Anteil aus. Sinnvoll sind sie etwa in Umgebungen mit viel Funkenflug oder Schleifstaub, wo Kunststoff schnell beschädigt würde – dort aber als zertifiziertes Schutzglas.
Vergleichstabelle der Materialien
| Material | Index (ca.) | Abbe-Zahl (ca.) | Bruchfestigkeit | Gewicht | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|---|---|
| CR-39 | 1,50 | 58 | mittel | leicht | schwache Stärken, Sonnenbrillen |
| Trivex | 1,53 | 43–45 | sehr hoch | sehr leicht | Kinder, Sport, randlose Brillen |
| Polycarbonat | 1,59 | 30 | sehr hoch | leicht | Kinder, Sport, Schutzbrillen |
| Kunststoff 1,60 | 1,60 | 40–42 | gut | leicht | mittlere Stärken |
| Kunststoff 1,67 | 1,67 | 32 | gut | leicht | höhere Stärken |
| Kunststoff 1,74 | 1,74 | 33 | mittel | leicht | sehr hohe Minusstärken |
| Mineralglas | 1,5–1,9 | 30–59 | gering, splittert | schwer | Sonderfälle |
Die Werte sind gerundet und variieren je nach Hersteller und Produkt. Sie dienen als Orientierung, nicht als technische Spezifikation.
Welcher Index bei welcher Sehstärke?
Eine pauschale Regel gibt es nicht, denn neben der Stärke spielen Fassungsgröße, Fassungsform, Pupillenabstand und Hornhautverkrümmung eine Rolle. Als grobe Orientierung, wie sie viele Optiker verwenden, kann folgende Übersicht dienen:
| Sphärische Stärke | Empfohlener Index | Hinweis |
|---|---|---|
| bis ±2,0 dpt | 1,50 bzw. 1,53–1,60 | Standard reicht meist völlig aus |
| ±2,0 bis ±4,0 dpt | 1,60 | guter Kompromiss aus Dicke und Optik |
| ±4,0 bis ±6,0 dpt | 1,67 | deutlich dünnere Ränder bzw. Mitten |
| über ±6,0 dpt | 1,74 (Minus) bzw. 1,67 | bei hoher Plusstärke oft Lentikulargläser oder Spezialdesigns |
Bei Plusgläsern ist ein sehr hoher Index weniger wirksam als bei Minusgläsern, weil die Mittendicke auch vom Glasdurchmesser abhängt. Hier hilft es mehr, eine kleine, runde Fassung zu wählen und das Glas auf die Fassungsform hin dünn berechnen zu lassen (Dickenoptimierung). Wie Sie die Werte auf Ihrem Rezept lesen, erfahren Sie im Ratgeber Brillenpass verstehen.
Asphärische und atorische Designs
Neben dem Material beeinflusst die Glasgeometrie Dicke und Abbildungsqualität. Klassische sphärische Gläser haben kugelförmige Flächen. Asphärische Gläser sind zum Rand hin abgeflacht. Das macht sie flacher und dünner und reduziert die Vergrößerung oder Verkleinerung der Augen von außen betrachtet. Atorische Gläser übertragen dieses Prinzip auf Gläser mit Zylinderwert bei Hornhautverkrümmung. Bei mittleren und höheren Stärken ist ein asphärisches Design oft sinnvoller als der Sprung auf den nächsthöheren Index.
Die Fassung ist der größte Hebel für dünne Gläser. Je kleiner der Glasdurchmesser und je näher die Glasmitte an Ihrer Pupille liegt, desto dünner wird der Rand. Eine große, breite Fassung kann den Vorteil eines teuren 1,74-Glases fast vollständig zunichtemachen. Tipps zur Fassungswahl lesen Sie im Fassungsratgeber.
Material und Sicherheit
Für Kinder ist ein bruchfestes Material wie Polycarbonat oder Trivex dringend zu empfehlen. Kinder stoßen sich, fallen hin und spielen Ball. Ein splitterndes Glas könnte das Auge schwer verletzen. Mehr dazu im Ratgeber zu Kinderbrillen.
Auch beim Sport, beim Heimwerken und am Arbeitsplatz sind bruchfeste Materialien Pflicht. Normale Alltagsbrillen ersetzen jedoch keine zertifizierte Schutzbrille: Diese muss nach europäischen Normen geprüft sein und hat auch ein entsprechend stabiles Gestell. Weitere Informationen finden Sie im Ratgeber Schutz- und Sportbrillen.
Wird eine Brille bei einem Unfall zerbrochen und gelangen Splitter ins Auge, reiben Sie nicht und versuchen Sie nicht, Fremdkörper selbst zu entfernen. Decken Sie das Auge locker ab und suchen Sie sofort eine Augenklinik oder Notaufnahme auf.
Beschichtungen gehören dazu
Fast jedes Kunststoffglas erhält heute eine Hartschicht gegen Kratzer. Je höher der Brechungsindex, desto stärker spiegelt ein Glas ohne Beschichtung, deshalb ist eine Entspiegelung bei Hochindexgläsern praktisch Pflicht. Viele hochbrechende Gläser werden ohnehin nur entspiegelt angeboten. Welche Schichten sinnvoll sind und welche eher Marketing, erklärt unser Ratgeber zu Brillenglas-Beschichtungen.
So entscheiden Sie sich richtig
- Bringen Sie einen aktuellen Brillenpass mit oder lassen Sie Ihre Werte neu bestimmen.
- Wählen Sie die Fassung mit Blick auf Ihre Stärke: Bei hohen Werten eher kleine, gut zentrierte Fassungen.
- Lassen Sie sich Dickenvergleiche zeigen. Viele Optiker können die Randdicke für verschiedene Indizes in Ihrer Wunschfassung berechnen.
- Bevorzugen Sie für Kinder, Sport und randlose Brillen Polycarbonat oder Trivex.
- Zahlen Sie nicht automatisch für den höchsten Index. Bei schwachen Stärken bringt er kaum sichtbaren Nutzen.
Wann zum Augenarzt?
Die Wahl des Glasmaterials ist eine Frage des Komforts und der Sicherheit, keine medizinische Behandlung. Trotzdem sollten Sie vor einer neuen Brille Ihre Werte überprüfen lassen, wenn die letzte Messung länger zurückliegt. Bei hoher Kurzsichtigkeit ist das Risiko für Netzhautablösung, Glaukom und andere Erkrankungen erhöht, weshalb regelmäßige augenärztliche Kontrollen besonders wichtig sind.
Suchen Sie umgehend einen Augenarzt auf bei plötzlicher Sehverschlechterung, Lichtblitzen, einem Schatten oder Vorhang im Gesichtsfeld, Doppelbildern, Augenschmerzen oder nach einer Verletzung durch eine zerbrochene Brille. Diese Symptome haben mit dem Glasmaterial nichts zu tun und können auf einen Notfall hinweisen.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Brechungsindex bei Brillengläsern?
Der Brechungsindex gibt an, wie stark ein Material Licht bricht. Je höher er ist, desto dünner kann ein Glas bei gleicher Stärke gefertigt werden. Standardkunststoff hat einen Index von 1,5, hochbrechende Gläser von 1,6 bis 1,74.
Ab welcher Stärke lohnen sich dünne Gläser?
Als grobe Orientierung lohnt sich ein Index von 1,6 ab etwa ±2 Dioptrien, 1,67 ab etwa ±4 und 1,74 ab etwa −6 Dioptrien. Entscheidend sind aber auch Fassungsgröße und Form. Lassen Sie sich beim Optiker Dickenvergleiche zeigen.
Was ist die Abbe-Zahl?
Die Abbe-Zahl beschreibt, wie stark ein Material Licht in Farben zerlegt. Je höher der Wert, desto geringer sind Farbsäume am Glasrand. Hochbrechende Gläser haben meist eine niedrigere Abbe-Zahl, was die meisten Menschen im Alltag aber kaum bemerken.
Ist Polycarbonat oder Trivex besser für Kinder?
Beide Materialien sind sehr bruchfest und gut für Kinder geeignet. Trivex bietet eine bessere optische Qualität und ist leichter, Polycarbonat ist dünner und weiter verbreitet. Wichtig ist vor allem, dass es eines der beiden ist.
Sind Mineralgläser noch zu empfehlen?
Mineralglas ist sehr kratzfest und optisch hochwertig, aber schwer und kann splittern. Für Kinder, Sport und Brillen mit Verletzungsrisiko ist es nicht geeignet. Für die meisten Menschen sind beschichtete Kunststoffgläser heute die bessere Wahl.
Warum wirken meine Augen hinter der Brille kleiner?
Minusgläser für Kurzsichtige verkleinern die Augen optisch, Plusgläser vergrößern sie. Asphärische Designs, ein höherer Index und eine kleinere Fassung können diesen Effekt reduzieren, aber nicht vollständig beseitigen.
Brauchen hochbrechende Gläser eine Entspiegelung?
Ja, in der Praxis fast immer. Je höher der Index, desto stärker reflektiert ein unbeschichtetes Glas. Viele Hersteller bieten Hochindexgläser deshalb nur mit Entspiegelung an.
Quellen
- American Academy of Ophthalmology – Eyeglasses for Vision Correction
- American Academy of Ophthalmology – Recommended Types of Sports Eye Protection
- American Optometric Association – Protecting Your Eyes at Work and Play
- U.S. Food and Drug Administration – Impact-Resistant Lenses: Questions and Answers
- DIN EN ISO 8980 – Ophthalmic optics, uncut finished spectacle lenses
- Kuratorium Gutes Sehen – Brillengläser: Materialien und Eigenschaften
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