Brillenrezept lesen: SPH, CYL, Achse, ADD und PD verständlich erklärt
Sphäre, Zylinder, Achse, Addition, Prisma und Pupillenabstand: So entschlüsseln Sie Ihre Brillenverordnung Schritt für Schritt – und erfahren, warum Kontaktlinsen andere Werte brauchen.
Auf einem Brillenrezept stehen Zahlen mit Plus- und Minuszeichen, Abkürzungen wie SPH, CYL oder ADD und eine Gradangabe, die auf den ersten Blick nach Geometrieunterricht aussieht. Viele Menschen tragen jahrelang eine Brille, ohne zu wissen, was diese Werte bedeuten. Dabei ist es gar nicht so schwer – und es lohnt sich: Wer sein Rezept versteht, kann Brillengläser besser auswählen, Angebote vergleichen und erkennt, wie sich die eigenen Augen im Laufe der Zeit verändern.
In diesem Ratgeber gehen wir jede Angabe einer typischen deutschen Brillenverordnung oder eines Brillenpasses durch, zeigen ein Beispiel und erklären, warum eine Kontaktlinsenverordnung andere Werte enthält. Mit unserem Brillenrezept-Rechner können Sie Ihre eigenen Werte anschließend interaktiv nachvollziehen.
Das Wichtigste in Kürze
- SPH (Sphäre) gibt die Grundstärke an: Minus bedeutet Kurzsichtigkeit, Plus bedeutet Weitsichtigkeit.
- CYL (Zylinder) und Achse beschreiben eine Hornhautverkrümmung und gehören immer zusammen.
- ADD (Addition) ist der Zusatz für die Nähe – typisch bei Alterssichtigkeit, Lese- und Gleitsichtbrillen.
- Prisma korrigiert eine Fehlstellung der Augen; die Basis gibt die Richtung an.
- PD ist der Pupillenabstand und wird für die exakte Zentrierung der Gläser gebraucht.
- Eine Brillenverordnung darf nicht einfach für Kontaktlinsen verwendet werden – die Werte unterscheiden sich.
Aufbau eines Brillenrezepts
Ein Brillenrezept vom Augenarzt oder ein Brillenpass vom Augenoptiker ist meist als Tabelle aufgebaut: eine Zeile für das rechte, eine für das linke Auge, und Spalten für die einzelnen Werte. Die Reihenfolge der Spalten kann je nach Formular leicht abweichen, die Bedeutung bleibt gleich.
Rechts und links: R/L oder OD/OS
In Deutschland steht meist R für das rechte und L für das linke Auge. Auf internationalen Rezepten finden Sie die lateinischen Abkürzungen OD (oculus dexter, rechtes Auge) und OS (oculus sinister, linkes Auge). Manchmal taucht auch OU (oculi uterque, beide Augen) auf. Gemeint ist immer das Auge aus Sicht des Patienten, nicht aus Sicht des Gegenübers.
Ein Beispiel
| Auge | SPH | CYL | Achse | ADD | Prisma | Basis |
|---|---|---|---|---|---|---|
| R (OD) | −2,25 | −0,75 | 180° | +2,00 | – | – |
| L (OS) | −1,75 | −1,25 | 170° | +2,00 | – | – |
Dazu kommt häufig eine Angabe wie PD 63 mm oder getrennt R 31,5 / L 31,5. Was das alles bedeutet, erklären die folgenden Abschnitte.
SPH – die Sphäre
Die Sphäre (sph, SPH oder S) gibt die Grundstärke des Glases in Dioptrien (dpt) an. Eine Dioptrie entspricht dem Kehrwert der Brennweite in Metern. Die Werte werden meist in Viertelschritten angegeben, also 0,25, 0,50, 0,75 und so weiter.
- Minuswerte (−): Zerstreuungslinsen zur Korrektur der Kurzsichtigkeit (Myopie). Je größer die Zahl, desto stärker die Kurzsichtigkeit.
- Pluswerte (+): Sammellinsen zur Korrektur der Weitsichtigkeit (Hyperopie).
- 0,00, plan oder ±0: In diesem Auge ist keine sphärische Korrektur nötig.
Im Beispiel ist das rechte Auge mit −2,25 dpt etwas stärker kurzsichtig als das linke mit −1,75 dpt. Ganz grob gilt bei Kurzsichtigkeit: Ab etwa −0,50 dpt wird die Ferne merklich unscharf, ab etwa −6 dpt spricht man von hoher Myopie.
CYL und Achse – die Hornhautverkrümmung
Der Zylinder (cyl, CYL oder Z) korrigiert eine Hornhautverkrümmung (Astigmatismus). Dabei ist die Hornhaut nicht gleichmäßig gewölbt wie ein Fußball, sondern eher wie ein Rugbyball: In einer Richtung bricht sie das Licht stärker als in der anderen. Ohne Korrektur werden Punkte zu Strichen verzogen, Konturen erscheinen unscharf oder doppelt.
Der Zylinderwert gibt an, wie stark diese Verkrümmung ausgeglichen werden muss. Die Achse (A, Ach oder axis) gibt in Grad zwischen 0° und 180° an, in welcher Richtung der Zylinder im Glas ausgerichtet wird. 0° und 180° bedeuten waagerecht, 90° senkrecht. Ohne Achse ist ein Zylinderwert wertlos – beide Angaben gehören immer zusammen. Ist die Spalte leer, liegt keine nennenswerte Hornhautverkrümmung vor.
Minus- und Pluszylinder
Ein und dieselbe Korrektur kann auf zwei Arten geschrieben werden: in Minuszylinder-Schreibweise (in Deutschland bei Augenoptikern üblich) oder in Pluszylinder-Schreibweise (bei manchen Augenärzten und in einigen Ländern). Die Umrechnung nennt man Transposition: Man addiert den Zylinder zur Sphäre, kehrt das Vorzeichen des Zylinders um und dreht die Achse um 90°. Aus −2,25 / −0,75 / 180° wird so −3,00 / +0,75 / 90°. Beide Angaben beschreiben exakt dasselbe Glas. Wenn Sie zwei Rezepte vergleichen, achten Sie deshalb auf die Schreibweise, bevor Sie meinen, Ihre Werte hätten sich verändert.
Sphärisches Äquivalent: Um die Gesamtstärke grob zu überblicken, verwenden Fachleute das sphärische Äquivalent: Sphäre plus die Hälfte des Zylinders. Für das rechte Auge im Beispiel: −2,25 + (−0,75 / 2) = −2,625 dpt, also rund −2,62 dpt. Dieser Wert ersetzt aber nicht die vollständige Verordnung.
ADD – die Addition für die Nähe
Die Addition (ADD, Add oder Nahzusatz) gibt an, wie viel Plusstärke für die Nähe zur Fernstärke hinzukommt. Sie wird bei Alterssichtigkeit verordnet und ist meist für beide Augen gleich. Typische Werte liegen zwischen +0,75 dpt mit Anfang 40 und etwa +2,50 bis +3,00 dpt ab 60 Jahren.
Die Addition wird für Gleitsicht-, Bifokal- und Arbeitsplatzgläser gebraucht. Wer eine reine Lesebrille möchte, kann die Lesestärke selbst berechnen: Fernstärke plus Addition. Im Beispiel ergibt das für das rechte Auge −2,25 + 2,00 = −0,25 dpt sphärisch, der Zylinder bleibt unverändert. Manche Rezepte enthalten statt einer Addition gleich eine separate Zeile mit den Nahwerten. Welche Glastypen es gibt, erfahren Sie im Ratgeber Brillenglastypen.
Prisma und Basis
Eine prismatische Korrektur ist seltener. Sie wird verordnet, wenn die Augen nicht exakt in dieselbe Richtung blicken, etwa bei einer latenten Fehlstellung (Heterophorie) oder einem kleinen Schielwinkel, der Doppelbilder oder Beschwerden verursacht. Ein Prisma lenkt das Licht ab, sodass das Bild auf der richtigen Stelle der Netzhaut landet und das Gehirn beide Bilder leichter verschmelzen kann.
Die Stärke wird in Prismendioptrien (cm/m oder pdpt, Zeichen Δ) angegeben. Die Basis gibt die Richtung an, in die die dicke Seite des Prismas zeigt: innen (nasal, BI), außen (temporal, BA), oben (BO bzw. base up) oder unten (BU bzw. base down). In deutschen Verordnungen findet man auch die Angabe der Basislage in Grad. Prismen sollten nur nach sorgfältiger Messung durch Augenarzt, Orthoptistin oder spezialisierte Optiker verordnet werden.
PD – der Pupillenabstand
Der Pupillenabstand (PD) ist der Abstand zwischen den Pupillenmitten in Millimetern, bei Erwachsenen meist zwischen etwa 54 und 74 Millimetern. Er wird gebraucht, damit die optischen Mittelpunkte der Gläser genau vor den Pupillen sitzen. Oft wird er monokular angegeben, also getrennt für jedes Auge von der Nasenmitte aus gemessen, weil Gesichter selten perfekt symmetrisch sind. Für Gleitsichtgläser kommt zusätzlich die Einschleifhöhe hinzu.
Auf ärztlichen Rezepten fehlt der PD häufig, weil er beim Augenoptiker mit der ausgewählten Fassung gemessen wird. Ausführlich erklärt wird das im Ratgeber Pupillenabstand messen.
Weitere Angaben auf dem Rezept
- Visus: Manche Verordnungen enthalten die erreichte Sehschärfe mit Korrektur, etwa 1,0 (entspricht 100 % bzw. 20/20).
- HSA: Der Hornhautscheitelabstand, also der Abstand zwischen Hornhaut und Glasrückfläche, meist um 12 bis 14 Millimeter. Er ist bei höheren Stärken wichtig.
- Verwendungszweck: Ferne, Nähe, Bildschirm oder Gleitsicht. Eine Verordnung für die Bildschirmarbeit enthält oft andere Werte.
- Datum und Gültigkeit: In Deutschland ist eine augenärztliche Brillenverordnung für die Krankenkasse in der Regel nur begrenzte Zeit gültig. Unabhängig davon sollten Werte, die älter als ein bis zwei Jahre sind, vor einer neuen Brille überprüft werden.
Brillen- und Kontaktlinsenverordnung: der Unterschied
Eine häufige Annahme ist, dass man mit den Brillenwerten einfach Kontaktlinsen bestellen kann. Das stimmt nicht. Zwischen beiden gibt es wichtige Unterschiede:
| Merkmal | Brillenverordnung | Kontaktlinsenverordnung |
|---|---|---|
| Abstand zum Auge | Etwa 12–14 mm vor der Hornhaut | Direkt auf der Hornhaut |
| Stärke | Brillenwert | Ab etwa ±4 dpt umgerechnet: Minus wird schwächer, Plus stärker |
| Zusatzangaben | Zylinder, Achse, ADD, Prisma, PD | Basiskurve (BC), Durchmesser (DIA), Material, Marke, Tragemodus |
| Hornhautverkrümmung | Zylinder im Glas | Torische Linsen mit eigenen Stufen; kleine Zylinder werden oft vernachlässigt |
| Anpassung | Messung und Zentrierung | Anpassung auf dem Auge, Kontrolle von Sitz, Tränenfilm und Hornhaut |
Weil die Linse direkt auf dem Auge sitzt, verändert sich ihre wirksame Stärke. Eine Brille mit −6,00 dpt entspricht beispielsweise einer Kontaktlinse von etwa −5,50 dpt. Außerdem muss eine Kontaktlinse zur Form der Hornhaut passen; eine schlecht sitzende Linse kann die Hornhaut schädigen. Kontaktlinsen sollten daher immer professionell angepasst und regelmäßig kontrolliert werden. Mehr dazu im Ratgeber Kontaktlinsen.
Bewahren Sie Ihre Verordnungen und Brillenpässe auf. Der Vergleich über die Jahre zeigt, wie sich Ihre Augen entwickeln – etwa ob eine Kurzsichtigkeit noch zunimmt oder eine Hornhautverkrümmung sich verändert. Eine schnelle, starke Veränderung des Zylinders kann zum Beispiel ein Hinweis auf einen Keratokonus sein.
Häufige Missverständnisse
- Die Zahl im Rezept ist nicht die Sehschärfe in Prozent. −2,00 dpt bedeutet nicht 20 % Sehvermögen. Dioptrien beschreiben die benötigte Glasstärke, der Visus die erreichte Schärfe.
- Kleine Unterschiede sind normal. Messungen an verschiedenen Tagen oder bei verschiedenen Untersuchern können um 0,25 dpt abweichen.
- Eine Brillenverordnung sagt nichts über die Gesundheit der Augen. Auch mit perfekter Korrektur können Erkrankungen wie Glaukom oder Makuladegeneration vorliegen. Eine Refraktion ersetzt keine augenärztliche Untersuchung.
- Brillenwerte lassen sich nicht wegtrainieren. Augenübungen verändern Sphäre und Zylinder nicht.
Wann zum Augenarzt?
Lassen Sie Ihre Werte überprüfen, wenn Sie mit Ihrer Brille nicht mehr scharf sehen, häufig Kopfschmerzen haben oder sich Ihre Sehstärke auffällig schnell ändert. Kinder und Jugendliche mit Kurzsichtigkeit sollten regelmäßig kontrolliert werden, Erwachsene ab 40 auch zur Früherkennung von Augenerkrankungen.
Nicht abwarten, sondern sofort ärztlich abklären: plötzlicher Sehverlust oder deutliche Sehverschlechterung, plötzliche Doppelbilder, Verzerrungen, Lichtblitze mit neuen schwarzen Punkten, ein Schatten im Gesichtsfeld oder starke Augenschmerzen. Eine plötzliche Veränderung der Brillenwerte kann auch bei schwankendem Blutzucker auftreten und sollte ärztlich abgeklärt werden.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet ein Minus vor der Sphäre?
Ein Minuszeichen zeigt Kurzsichtigkeit an: Sie sehen in der Nähe besser als in der Ferne. Je höher die Zahl, desto stärker die Kurzsichtigkeit. Ein Pluszeichen steht dagegen für Weitsichtigkeit oder eine Nahkorrektur.
Ist ein Zylinderwert schlimm?
Nein. Ein Zylinder zeigt eine Hornhautverkrümmung an, die sehr häufig ist und sich mit Brille oder Kontaktlinsen gut korrigieren lässt. Nur wenn sich der Zylinder schnell und deutlich verändert, sollte das genauer untersucht werden.
Was bedeutet die Achse auf dem Brillenrezept?
Die Achse gibt in Grad von 0 bis 180 an, in welcher Richtung der Zylinder im Brillenglas ausgerichtet wird. Sie gehört immer zum Zylinderwert. Ohne Zylinder ist keine Achse nötig.
Kann ich aus meinem Brillenrezept eine Lesebrille ableiten?
Ja, wenn eine Addition angegeben ist: Lesestärke ist Fernstärke plus Addition für jedes Auge, Zylinder und Achse bleiben gleich. Für die Bestellung sollten Sie dies aber vom Augenoptiker bestätigen lassen.
Warum stehen bei Augenarzt und Optiker unterschiedliche Werte?
Oft liegt es an der Schreibweise, weil Augenärzte teils Plus- und Optiker Minuszylinder verwenden. Beide können dasselbe Glas beschreiben. Daneben sind kleine Abweichungen von 0,25 dpt zwischen Messungen normal.
Kann ich mit meinem Brillenrezept Kontaktlinsen bestellen?
Nein. Kontaktlinsen sitzen direkt auf dem Auge, daher unterscheidet sich die Stärke, und es werden zusätzliche Angaben wie Basiskurve und Durchmesser benötigt. Eine Kontaktlinsenanpassung ist notwendig.
Was ist der Unterschied zwischen PD und monokularer PD?
Die binokulare PD ist der Gesamtabstand zwischen den Pupillen. Die monokulare PD gibt für jedes Auge einzeln den Abstand zur Nasenmitte an. Sie ist genauer, weil Gesichter selten symmetrisch sind, und wird vor allem für Gleitsichtgläser verwendet.
Wie lange ist ein Brillenrezept gültig?
Für die Abrechnung mit der Krankenkasse gelten Fristen, die Sie bei Ihrer Kasse erfragen können. Medizinisch sollten Werte, die älter als ein bis zwei Jahre sind, vor einer neuen Brille überprüft werden, bei Kindern häufiger.
Quellen
- American Academy of Ophthalmology – How to Read an Eyeglass Prescription
- American Academy of Ophthalmology – Refractive Errors Preferred Practice Pattern
- NHS – Eye tests and opticians: understanding your prescription
- American Optometric Association – Contact lens prescription vs. eyeglass prescription
- DIN EN ISO 13666 – Ophthalmische Optik, Brillengläser: Vokabular
- Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen (ZVA) – Der Brillenpass
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