Augengymnastik

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Leseschwierigkeiten bei Kindern: Wann die Augen dahinterstecken

Wenn ein Kind ungern liest, können Weitsichtigkeit, Konvergenzschwäche oder ein schwaches Auge dahinterstecken. Legasthenie dagegen ist keine Sehstörung.

7 Min. Lesezeit Redaktion

Ihr Kind reibt sich bei den Hausaufgaben die Augen, verliert beim Vorlesen ständig die Zeile oder klagt nach zehn Minuten über Kopfschmerzen? Viele Eltern fragen sich dann, ob die Augen schuld sind. Die Frage ist berechtigt: Einige Sehprobleme machen das Lesen tatsächlich mühsam und werden bei einfachen Sehtests leicht übersehen. Gleichzeitig kursieren viele Mythen, etwa dass Legasthenie durch Augentraining heilbar sei.

In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Sehstörungen das Lesen wirklich erschweren, an welchen Anzeichen Sie sie erkennen, warum eine Lese-Rechtschreib-Störung keine Augenkrankheit ist und welche Untersuchung Klarheit bringt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Unkorrigierte Weitsichtigkeit, Konvergenzschwäche und ein schwachsichtiges Auge (Amblyopie) können das Lesen anstrengend machen.
  • Ein Schulscreening, bei dem nur die Sehschärfe in der Ferne geprüft wird, findet diese Probleme häufig nicht.
  • Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung) ist eine Störung der Sprachverarbeitung im Gehirn, keine Sehstörung. Augenübungen oder farbige Folien heilen sie nicht.
  • Bei Leseproblemen sollten sowohl die Augen als auch die Lese- und Sprachentwicklung fachkundig untersucht werden.

Lesen ist Schwerstarbeit für die Augen

Beim Lesen müssen die Augen gleich mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Sie stellen auf eine nahe Entfernung scharf (Akkommodation), drehen sich beide leicht nach innen, damit sie auf denselben Buchstaben schauen (Konvergenz), und springen in kleinen, schnellen Sprüngen (Sakkaden) von Wort zu Wort. Am Zeilenende folgt ein großer Rücksprung zur nächsten Zeile. All das muss über viele Minuten präzise funktionieren.

Kinder haben eine enorme Akkommodationskraft und kompensieren deshalb viele Probleme lange unbemerkt. Doch dieser Ausgleich kostet Energie. Das Ergebnis sind keine verschwommenen Buchstaben, sondern Müdigkeit, Kopfschmerzen und Unlust. Viele Kinder wissen gar nicht, dass Lesen sich anders anfühlen könnte, und beklagen sich deshalb nicht.

Weitsichtigkeit: Der häufig übersehene Störenfried

Bei Weitsichtigkeit (Hyperopie) ist das Auge etwas zu kurz gebaut. Kinder können das durch Anspannung des Ziliarmuskels ausgleichen und sehen deshalb in der Ferne oft scharf. Beim klassischen Sehtest mit der Sehtafel fallen sie dann nicht auf. In der Nähe muss das Auge jedoch noch stärker akkommodieren. Bei mittlerer bis höherer Weitsichtigkeit wird das auf Dauer zur Belastung.

Untersuchungen weisen darauf hin, dass eine nicht korrigierte mittlere Weitsichtigkeit bei Vorschul- und Schulkindern mit schlechteren Leistungen in frühen Lesefertigkeiten einhergeht. Eine Brille kann in diesen Fällen die Anstrengung deutlich verringern. Eine geringe Weitsichtigkeit ist im Kindesalter dagegen normal und muss oft gar nicht behandelt werden.

Um eine versteckte Weitsichtigkeit zu finden, verwenden Augenärzte Augentropfen, die die Akkommodation vorübergehend lähmen (Zykloplegie). Erst dann zeigt sich die tatsächliche Brechkraft des Auges. Mehr dazu lesen Sie in unserem Ratgeber zur Weitsichtigkeit.

Konvergenzschwäche: Wenn die Augen nicht zusammenarbeiten

Bei der Konvergenzschwäche (Konvergenzinsuffizienz) fällt es den Augen schwer, sich für die Nähe ausreichend nach innen zu richten und diese Stellung zu halten. Sehschärfe und Brillenwerte können dabei völlig normal sein. Typisch sind Beschwerden, die nach einigen Minuten Lesen zunehmen:

  • Buchstaben verschwimmen oder scheinen sich zu bewegen
  • zeitweise Doppelbilder
  • Kopfschmerzen über der Stirn oder hinter den Augen
  • Zeilen werden verloren oder doppelt gelesen
  • das Kind kneift ein Auge zu oder hält den Kopf schräg
  • Konzentration lässt schnell nach

Die Konvergenzschwäche ist einer der wenigen Bereiche, in denen Augenübungen wissenschaftlich gut belegt sind. Große Studien des US-amerikanischen National Eye Institute (Convergence Insufficiency Treatment Trial, CITT) zeigten, dass eine gezielte, betreute Übungstherapie in der Praxis mit ergänzenden Heimübungen die Beschwerden bei vielen Kindern lindert. Eine bessere Lesefähigkeit konnte eine spätere Studie dieser Gruppe allerdings nicht nachweisen. Wichtig ist also: Die Übungen verbessern das beschwerdefreie Lesen, nicht automatisch das Leseverständnis.

Eine Grundübung ist das langsame Heranführen eines Gegenstands an die Nase. Sie finden sie als Konvergenzübung auf unserer Seite. Bei Kindern sollte so ein Training aber nur nach Diagnose und unter fachlicher Anleitung erfolgen, da andere Störungen ähnliche Symptome zeigen können.

Amblyopie: Das schwache Auge

Bei einer Amblyopie (Schwachsichtigkeit, umgangssprachlich auch faules Auge) hat sich die Sehbahn eines Auges in der frühen Kindheit nicht richtig entwickelt. Ursache ist meist ein Schielen oder ein großer Unterschied der Brillenwerte zwischen beiden Augen. Weil das andere Auge gut sieht, bemerken Kinder und Eltern oft nichts.

Für das Lesen selbst ist eine einseitige Amblyopie kein unüberwindbares Hindernis, denn das gesunde Auge übernimmt. Studien zeigen jedoch, dass Kinder mit Amblyopie im Durchschnitt etwas langsamer lesen und ihre Augenbewegungen beim Lesen weniger effizient sind. Vor allem aber ist die Amblyopie zeitkritisch: Je früher sie behandelt wird, desto besser die Erfolgsaussichten. Die Behandlung besteht aus Brille und oft dem stundenweisen Abkleben des besseren Auges (Okklusion). Mehr dazu in unserem Ratgeber zu Schielen und Amblyopie.

Was ist mit Kurzsichtigkeit und Astigmatismus?

Kurzsichtige Kinder sehen in der Nähe meist gut und haben daher selten Probleme mit dem Buch, wohl aber mit der Tafel. Wer in der Schule nicht erkennt, was vorne steht, verpasst Inhalte und wirkt unaufmerksam. Ein ausgeprägter Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) verzerrt dagegen in allen Entfernungen und kann Lesen und Schreiben anstrengend machen. Beides lässt sich mit einer Brille gut korrigieren.

SehproblemWirkung auf das LesenTypische HinweiseBehandlung
Weitsichtigkeit (mittel bis hoch)Anstrengung in der Nähe, schnelle ErmüdungKopfschmerzen, Augenreiben, Lesen wird vermiedenBrille
KonvergenzschwächeDoppelbilder, Zeilenverlust nach kurzer ZeitEin Auge zukneifen, Buchstaben bewegen sichBetreute Übungstherapie
AmblyopieOft unbemerkt, etwas langsameres LesenSchielen, Kopfschiefhaltung, ein Auge abgedeckt schlechterBrille, Okklusion, früh beginnen
AstigmatismusVerzerrte Buchstaben in allen EntfernungenAugen zusammenkneifen, KopfschmerzenBrille
KurzsichtigkeitMeist Probleme an der Tafel, nicht im BuchNah an Fernseher oder Tafel gehenBrille, Myopiekontrolle

Warnzeichen, auf die Eltern achten sollten

Kinder beschreiben Sehprobleme selten direkt. Achten Sie eher auf ihr Verhalten:

  • das Kind vermeidet Lesen oder Hausaufgaben auffällig stark
  • es hält das Buch sehr nah an die Augen oder ungewöhnlich weit weg
  • es folgt den Zeilen mit dem Finger, auch wenn es eigentlich schon flüssig lesen sollte
  • es reibt sich oft die Augen, blinzelt viel oder hat gerötete Augen nach dem Lesen
  • es klagt über Kopfschmerzen, vor allem nachmittags oder abends
  • es dreht oder neigt den Kopf, deckt ein Auge ab oder kneift es zu
  • es schielt zeitweise, besonders wenn es müde ist
  • es lässt Wörter aus, verwechselt Zeilen oder liest dieselbe Zeile doppelt

Notieren Sie, wann die Beschwerden auftreten: sofort beim Lesen oder erst nach einiger Zeit, eher morgens oder abends, beim Bildschirm oder auch beim Buch. Solche Beobachtungen helfen bei der Untersuchung sehr.

Legasthenie ist kein Augenproblem

Wenn ein Kind trotz normaler Intelligenz und ausreichender Förderung große Schwierigkeiten hat, Buchstaben in Laute umzusetzen, Wörter zu erkennen und richtig zu schreiben, spricht man von einer Lese-Rechtschreib-Störung (Legasthenie, englisch Dyslexia). Ihre Ursache liegt in der Verarbeitung von Sprache im Gehirn, insbesondere in der Fähigkeit, die Lautstruktur von Wörtern zu erkennen. Das Auge selbst ist dabei gesund.

Amerikanische Fachgesellschaften für Kinderheilkunde, Kinderaugenheilkunde und Augenheilkunde haben dazu eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht. Darin heißt es sinngemäß: Lernstörungen einschließlich der Legasthenie sind keine Folge von Sehproblemen. Es gibt keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass Sehtraining, Augenübungen, Prismen- oder Farbfilterbrillen Legasthenie behandeln. Solche Maßnahmen können eine wirksame Förderung verzögern.

Ein Kind kann gleichzeitig eine Legasthenie und ein Sehproblem haben. Eine passende Brille macht das Lesen dann bequemer, beseitigt aber nicht die Lese-Rechtschreib-Störung. Beides muss getrennt diagnostiziert und behandelt werden.

Bei Verdacht auf Legasthenie sind Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderärzte, schulpsychologische Dienste und spezialisierte Lerntherapeuten die richtigen Ansprechpartner. Wirksam sind strukturierte Förderprogramme, die Lautbewusstsein und Buchstaben-Laut-Zuordnung systematisch trainieren. In Schulen gibt es außerdem die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs.

Die richtige Untersuchung: Mehr als ein Sehtest

Ein kurzer Sehtest beim Kinderarzt oder in der Schule prüft meist nur die Sehschärfe in der Ferne. Bei Leseproblemen reicht das nicht. Eine vollständige augenärztliche Untersuchung, gegebenenfalls ergänzt durch eine Orthoptistin, umfasst in der Regel:

  1. Sehschärfe in Ferne und Nähe, jedes Auge einzeln
  2. Brechkraftbestimmung in Zykloplegie, um versteckte Weitsichtigkeit aufzudecken
  3. Prüfung des Augenzusammenspiels: Schieltest, Stereosehen, Nahpunkt der Konvergenz
  4. Prüfung der Akkommodation und der Augenbewegungen
  5. Untersuchung von vorderem Augenabschnitt und Augenhintergrund

Wie und wann Kinder generell untersucht werden sollten, beschreibt unser Beitrag Wann braucht ein Kind die erste Augenuntersuchung?. Allgemeine Informationen zu Kinderaugen finden Sie im Ratgeber Augengesundheit bei Kindern.

Wer untersucht was?

In Deutschland ist die Augenärztin oder der Augenarzt die erste Anlaufstelle, da nur dort Augentropfen zur Zykloplegie gegeben und Erkrankungen ausgeschlossen werden können. Orthoptistinnen sind auf Schielen, Amblyopie und das Zusammenspiel der Augen spezialisiert und arbeiten meist in augenärztlichen Praxen oder Kliniken. Optiker können die Brillenwerte bestimmen, ersetzen bei Kindern aber keine ärztliche Untersuchung. Für die Lese- und Sprachentwicklung sind Kinderarzt, Schulpsychologie und Kinder- und Jugendpsychiatrie zuständig. Bei unklaren Leseproblemen ist es sinnvoll, beide Wege parallel zu gehen, statt monatelang nur eine Ursache zu verfolgen.

Was Eltern im Alltag tun können

  • Für gutes, blendfreies Licht am Schreibtisch sorgen.
  • Einen Leseabstand von etwa 30 bis 40 Zentimetern fördern und kurze Pausen einplanen.
  • Viel Zeit im Freien ermöglichen; das schützt nachweislich vor dem Fortschreiten von Kurzsichtigkeit.
  • Die Brille konsequent tragen lassen, wenn sie verordnet wurde, und regelmäßig kontrollieren.
  • Bei anhaltenden Leseproblemen frühzeitig sowohl die Augen als auch die Lese- und Sprachentwicklung abklären lassen.
  • Das Kind loben und Druck vermeiden. Leseunlust ist oft ein Zeichen von Überforderung, nicht von Faulheit.

Wie viel Bildschirmzeit für Kinderaugen vertretbar ist, lesen Sie in unserem Beitrag zu Bildschirmzeit und Kinderaugen.

Wann Sie zum Augenarzt gehen sollten

Lassen Sie die Augen Ihres Kindes untersuchen, wenn Leseschwierigkeiten, Kopfschmerzen beim Lesen, Augenreiben oder das Zukneifen eines Auges über Wochen bestehen. Auch wenn ein Elternteil in der Kindheit eine Brille, ein Schielen oder ein schwaches Auge hatte, ist eine frühe Kontrolle sinnvoll.

Bitte zeitnah ärztlich abklären lassen: plötzlich auftretendes Schielen, neu aufgetretene Doppelbilder, eine Kopfschiefhaltung, ein weißlicher Schimmer in der Pupille, deutlicher Sehverlust auf einem Auge sowie Kopfschmerzen mit Erbrechen oder morgendlicher Verschlechterung. Diese Zeichen können auf ernsthafte Erkrankungen hinweisen und sollten nicht abgewartet werden.

Leseschwierigkeiten haben selten nur eine Ursache. Ein genauer Blick auf die Augen ist ein wichtiger erster Schritt, aber nicht immer der letzte. Wer Augen und Sprachentwicklung gleichermaßen ernst nimmt, gibt seinem Kind die besten Chancen.

Häufig gestellte Fragen

Kann eine Brille Legasthenie heilen?

Nein. Legasthenie ist eine Störung der Sprachverarbeitung im Gehirn und keine Sehstörung. Eine Brille kann aber das Lesen erleichtern, wenn zusätzlich ein Sehfehler vorliegt. Die Lese-Rechtschreib-Störung selbst wird mit gezielter Lernförderung behandelt.

Warum findet der Schulsehtest manche Sehprobleme nicht?

Schulscreenings prüfen meist nur, wie gut ein Kind in der Ferne sieht. Kinder mit Weitsichtigkeit können das durch Anspannung ausgleichen und bestehen den Test. Konvergenzschwäche und Akkommodationsprobleme werden dabei gar nicht untersucht.

Helfen Augenübungen bei Leseproblemen?

Bei einer nachgewiesenen Konvergenzschwäche kann eine betreute Übungstherapie die Beschwerden beim Lesen deutlich lindern. Bei Legasthenie oder allgemeinen Leseschwächen ohne Augenbefund gibt es dafür keine ausreichenden Belege.

Was sind farbige Folien oder Prismenbrillen gegen Legasthenie?

Solche Hilfsmittel werden teils als Lösung für Leseprobleme beworben. Fachgesellschaften für Kinderheilkunde und Augenheilkunde sehen dafür keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage. Sie können eine wirksame Förderung verzögern.

Ab welchem Alter sollte ein Kind mit Leseproblemen untersucht werden?

Sobald Leseprobleme auffallen, ist eine Untersuchung sinnvoll, auch schon in der ersten Klasse. Idealerweise wurden die Augen bereits vor der Einschulung vollständig untersucht.

Wie erkenne ich eine Konvergenzschwäche bei meinem Kind?

Typisch sind Beschwerden, die nach einigen Minuten Lesen zunehmen: verschwimmende oder springende Buchstaben, Doppelbilder, Kopfschmerzen und häufiges Zeilenverlieren. Kinder kneifen oft ein Auge zu. Die Diagnose stellt die Augenärztin oder Orthoptistin.

Quellen
  • American Academy of Pediatrics, American Academy of Ophthalmology, AAPOS, AACO – Joint Statement: Learning Disabilities, Dyslexia, and Vision (Pediatrics 2009, reaffirmed)
  • Convergence Insufficiency Treatment Trial (CITT) Study Group – Randomized clinical trial of treatments for symptomatic convergence insufficiency in children, Archives of Ophthalmology 2008
  • CITT-ART Investigator Group – Effect of vergence/accommodative therapy on reading in children with convergence insufficiency, Optometry and Vision Science 2021
  • VIP-HIP Study Group – Uncorrected hyperopia and preschool early literacy, Ophthalmology 2016
  • American Academy of Ophthalmology – Amblyopia: What Is Lazy Eye?
  • NHS – Dyslexia

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