Augengymnastik

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Schwankender Blutzucker und verschwommenes Sehen: Was dahintersteckt

Verschwommenes Sehen bei Diabetes ist oft vorübergehend: Die Augenlinse reagiert auf Zuckerschwankungen. Wie das funktioniert, wann es gefährlich wird und warum Netzhautkontrollen so wichtig sind.

7 Min. Lesezeit Redaktion

Viele Menschen mit Diabetes kennen das Phänomen: An manchen Tagen ist die Sicht plötzlich unscharf, die Brille scheint nicht mehr zu passen, und ein paar Tage später ist alles wieder wie vorher. Manchmal ist verschwommenes Sehen sogar das erste Zeichen, das überhaupt zur Diagnose eines Diabetes führt. Andere bemerken es erst, nachdem die Therapie begonnen hat und der Blutzucker rasch gesunken ist.

Hinter diesen Schwankungen steckt in den meisten Fällen kein bleibender Schaden, sondern eine vorübergehende Veränderung der Augenlinse. Trotzdem ist das Thema ernst zu nehmen, denn Diabetes kann auch die Netzhaut dauerhaft schädigen, und diese Schäden verursachen anfangs oft keine Beschwerden. In diesem Artikel erfahren Sie, warum der Blutzucker die Brechkraft des Auges verändert, wie Sie harmlose von bedrohlichen Sehstörungen unterscheiden und warum Sie in einer Phase mit stark schwankenden Werten besser keine neue Brille anfertigen lassen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei hohem Blutzucker nimmt die Augenlinse Zucker und Wasser auf und quillt. Dadurch ändert sich ihre Brechkraft, und das Sehen wird unscharf.
  • Die Veränderung ist meist vorübergehend und bildet sich zurück, wenn sich die Werte über einige Wochen stabilisieren.
  • Auch eine rasche Senkung des Blutzuckers zu Therapiebeginn kann vorübergehend verschwommenes Sehen verursachen.
  • Lassen Sie neue Brillengläser erst anfertigen, wenn der Blutzucker mehrere Wochen stabil ist.
  • Unabhängig davon braucht jeder Mensch mit Diabetes regelmäßige Untersuchungen der Netzhaut, weil die diabetische Retinopathie lange unbemerkt bleibt.

Wie die Augenlinse auf Zucker reagiert

Die Augenlinse ist ein klares, elastisches Gewebe hinter der Iris. Zusammen mit der Hornhaut bündelt sie das Licht, sodass auf der Netzhaut ein scharfes Bild entsteht. Ihre Brechkraft hängt von ihrer Form und ihrer inneren Zusammensetzung ab. Schon kleine Veränderungen reichen aus, um das Bild unscharf werden zu lassen.

Die Linse wird nicht durch Blutgefäße versorgt, sondern über das Kammerwasser, eine klare Flüssigkeit im vorderen Augenabschnitt. Der Zuckergehalt des Kammerwassers folgt dem Blutzucker. Ist der Blutzucker dauerhaft erhöht (Hyperglykämie), gelangt mehr Glukose in die Linse. Dort wird ein Teil davon über ein Enzym, die Aldose-Reduktase, in Sorbitol umgewandelt. Sorbitol kann die Linsenzellen nur schlecht wieder verlassen und zieht Wasser an. Die Linse quillt leicht auf, wird dicker und verändert ihren Brechungsindex.

Die Folge ist eine Verschiebung der Brechkraft (Refraktion). Häufig wird das Auge dabei kurzsichtiger: Ferne Objekte erscheinen unscharf, während das Lesen eventuell sogar leichter fällt. Bei manchen Menschen verschiebt sich die Brechkraft aber in die andere Richtung. Welche Richtung auftritt, hängt unter anderem davon ab, ob der Blutzucker gerade steigt oder fällt.

Warum es auch bei sinkendem Blutzucker unscharf wird

Ein Phänomen überrascht viele: Gerade nach Beginn einer wirksamen Diabetesbehandlung, etwa mit Insulin, kann sich das Sehen für einige Wochen verschlechtern. Wenn der Blutzucker rasch sinkt, muss sich die Linse an die neuen Bedingungen anpassen. Der Ausgleich von Zucker, Sorbitol und Wasser zwischen Linse und Kammerwasser braucht Zeit. In dieser Phase verschiebt sich die Brechkraft oft in Richtung Weitsichtigkeit, und die Nähe wird unscharf. Diese Veränderung ist in aller Regel harmlos und geht innerhalb von einigen Wochen zurück. Sie ist kein Grund, eine notwendige Therapie zu unterbrechen.

Ein seltener, aber ernster Sonderfall: Bei einer sehr raschen und starken Senkung eines lange Zeit stark erhöhten Blutzuckers kann sich eine bestehende diabetische Retinopathie vorübergehend verschlechtern (Early Worsening). Deshalb empfehlen Fachleute bei Menschen mit bekannter Retinopathie, vor oder zu Beginn einer intensiven Blutzuckersenkung die Netzhaut untersuchen zu lassen. Langfristig überwiegt der Nutzen einer guten Einstellung jedoch eindeutig.

Typische Beschwerden bei Blutzuckerschwankungen

Die Sehstörungen durch Linsenquellung haben einige typische Merkmale, die sie von anderen Ursachen unterscheiden:

  • Beide Augen sind meist ähnlich betroffen.
  • Das Sehen ist gleichmäßig unscharf, ohne Schatten, Ausfälle oder verzerrte Linien.
  • Die Unschärfe ändert sich über Tage bis Wochen, manchmal sogar im Tagesverlauf.
  • Die gewohnte Brille wirkt plötzlich zu schwach oder zu stark.
  • Es bestehen keine Schmerzen und keine Rötung.

Ein einfacher Hinweis: Wenn Sie durch ein kleines Loch in einem Stück Papier (Lochblende) schauen und das Bild deutlich schärfer wird, spricht das für eine Brechkraftveränderung und nicht für eine Erkrankung der Netzhaut. Eine augenärztliche Untersuchung ersetzt das natürlich nicht.

MerkmalVorübergehende LinsenquellungHinweis auf Netzhautschaden
Art der Störunggleichmäßig verschwommendunkle Flecken, verzerrte Linien, Schatten, Ausfälle
Verlaufschwankt mit den Blutzuckerwertenbleibt bestehen oder verschlechtert sich
LochblendeSicht wird deutlich schärferkaum Verbesserung
Beginnschleichend über Tageoft plötzlich, z. B. bei Blutung
VorgehenBlutzucker stabilisieren, Brillenkauf aufschiebenzeitnah augenärztlich untersuchen lassen

Und bei Unterzuckerung?

Auch eine akute Unterzuckerung (Hypoglykämie) kann das Sehen beeinträchtigen, allerdings über einen anderen Mechanismus: Das Gehirn bekommt zu wenig Energie. Typisch sind Verschwommensehen, Doppelbilder oder Flimmern, zusammen mit Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, Heißhunger oder Verwirrtheit. Hier ist sofortiges Handeln nach Ihrem Notfallplan nötig, also schnell wirksame Kohlenhydrate. Die Sehstörung verschwindet meist, sobald der Blutzucker wieder im Zielbereich ist.

Warum Sie jetzt keine neue Brille kaufen sollten

Wer plötzlich schlechter sieht, denkt verständlicherweise zuerst an eine neue Brille. Bei schwankendem Blutzucker ist das aber oft eine teure Fehlinvestition. Die Messung beim Optiker oder in der Augenarztpraxis gibt nur den Zustand des Tages wieder. Ist der Blutzucker in einigen Wochen stabiler, hat sich die Linse wieder verändert, und die neuen Gläser passen nicht mehr.

  1. Erst stabilisieren: Arbeiten Sie mit Ihrem Diabetesteam daran, dass die Werte über mehrere Wochen im Zielbereich liegen. Als grobe Faustregel gelten oft vier bis sechs Wochen stabiler Werte, bevor eine endgültige Brillenbestimmung sinnvoll ist.
  2. Übergangslösung nutzen: Für einzelne Aufgaben, etwa zum Lesen, kann eine günstige Fertiglesebrille vorübergehend helfen. Bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten wie dem Autofahren gilt das nicht.
  3. Ehrlich informieren: Sagen Sie beim Sehtest, dass Sie Diabetes haben und Ihre Werte gerade schwanken oder die Therapie neu eingestellt wurde.
  4. Kontaktlinsen erst später anpassen: Auch für die Anpassung neuer Kontaktlinsen gilt, dass stabile Werte abgewartet werden sollten.

Autofahren: Wenn Sie unscharf sehen, gleich aus welchem Grund, sollten Sie nicht Auto fahren, bis Ihre Sehschärfe wieder den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Das gilt auch für Unterzuckerungen, die die Fahrtüchtigkeit zusätzlich durch Konzentrationsstörungen beeinträchtigen.

Diabetische Retinopathie: die eigentliche Gefahr

Die vorübergehende Linsenquellung ist lästig, aber meist harmlos. Die größere Bedrohung für das Sehen ist die diabetische Retinopathie. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die feinen Gefäße der Netzhaut. Sie werden durchlässig, es entstehen kleine Aussackungen (Mikroaneurysmen), Blutungen und Fettablagerungen. Im weiteren Verlauf können sich krankhafte neue Gefäße bilden (proliferative Retinopathie), die bluten oder zu einer Netzhautablösung führen können.

Eine besonders wichtige Komplikation ist das diabetische Makulaödem: Flüssigkeit sammelt sich in der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens. Das führt zu verschwommenem und verzerrtem Sehen in der Bildmitte. Anders als die Linsenquellung bessert sich ein Makulaödem nicht von selbst, wenn der Blutzucker sinkt. Es muss behandelt werden, heute meist mit Medikamenten, die in das Auge gespritzt werden (Anti-VEGF-Therapie), oder mit Laser.

Warum Vorsorge so wichtig ist

Das Tückische an der diabetischen Retinopathie: Sie verursacht lange keine Beschwerden. Wenn Betroffene eine Sehverschlechterung bemerken, ist die Erkrankung oft bereits fortgeschritten. Werden Veränderungen dagegen früh erkannt, lässt sich ein schwerer Sehverlust in den allermeisten Fällen verhindern. Deshalb gehören regelmäßige Netzhautuntersuchungen zu jeder Diabetesbehandlung.

SituationÜbliche Empfehlung für Netzhautkontrollen
Typ-2-DiabetesUntersuchung bei Diagnosestellung, danach je nach Befund und Risiko meist alle ein bis zwei Jahre
Typ-1-Diabeteserste Untersuchung in der Regel einige Jahre nach Diagnose, danach regelmäßig
Bekannte Retinopathiekürzere Abstände, nach Vorgabe der Augenärztin oder des Augenarztes
Schwangerschaft bei vorbestehendem Diabetesengmaschigere Kontrollen während der Schwangerschaft

Die genauen Abstände legt Ihre Augenärztin oder Ihr Augenarzt fest, abhängig von Befund, Diabetesdauer, Blutzucker- und Blutdruckwerten. Für die Untersuchung werden die Pupillen meist mit Tropfen erweitert. Planen Sie danach einige Stunden ohne Autofahren ein. Was bei einer Augenuntersuchung genau passiert, erklärt unser Ratgeber Augenuntersuchungen.

Was Sie selbst tun können

Die wichtigste Maßnahme für gesunde Augen bei Diabetes ist eine gute und möglichst stabile Stoffwechseleinstellung. Große Studien haben gezeigt, dass eine bessere Blutzuckerkontrolle das Risiko für das Entstehen und Fortschreiten der Retinopathie deutlich senkt. Ebenso wichtig sind Blutdruck und Blutfette.

  • Blutzucker: Starke Ausschläge nach oben und unten vermeiden. Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) kann helfen, Schwankungen zu erkennen.
  • Blutdruck: Bluthochdruck verstärkt die Gefäßschäden. Mehr dazu in unserem Beitrag Bluthochdruck und Augen.
  • Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Insulinempfindlichkeit. Lesen Sie dazu Wie Bewegung Ihren Augen guttut.
  • Nicht rauchen: Rauchen schädigt Gefäße zusätzlich, auch am Auge.
  • Ernährung: Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Kost stabilisiert den Blutzucker. Einen Überblick gibt unser Ratgeber Ernährung für die Augen.
  • Termine einhalten: Netzhautkontrollen auch dann wahrnehmen, wenn Sie gut sehen.

Andere Augenprobleme bei Diabetes

Neben Linsenquellung und Retinopathie treten bei Diabetes einige weitere Augenprobleme häufiger auf. Der Graue Star entwickelt sich bei Menschen mit Diabetes oft früher. Auch das Risiko für bestimmte Glaukomformen ist erhöht. Viele Betroffene leiden zudem unter trockenen Augen, weil Nerven der Hornhaut beeinträchtigt sein können. Seltener kommt es zu vorübergehenden Augenmuskellähmungen mit Doppelbildern, die sich meist innerhalb von Monaten zurückbilden, aber immer ärztlich abgeklärt werden müssen, weil auch andere Ursachen infrage kommen.

Wann Sie ärztliche Hilfe brauchen

Leichte, beidseitige Unschärfe bei bekannten Blutzuckerschwankungen ist meist kein Notfall, sollte aber bei der nächsten Gelegenheit mit Ihrem Diabetesteam und Ihrer Augenarztpraxis besprochen werden. Wenn das verschwommene Sehen das erste Anzeichen ist und Sie zusätzlich starken Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit oder Gewichtsverlust bemerken, lassen Sie Ihren Blutzucker zeitnah ärztlich überprüfen.

Suchen Sie umgehend eine Augenarztpraxis oder Notaufnahme auf bei: plötzlichem Sehverlust auf einem Auge, einem Schatten oder Vorhang im Gesichtsfeld, einem plötzlichen Schwarm dunkler Punkte oder roter Schlieren (möglicher Hinweis auf eine Glaskörperblutung), Lichtblitzen, verzerrtem Sehen in der Bildmitte, plötzlichen Doppelbildern, starken Augenschmerzen oder einem roten, schmerzhaften Auge. Bei Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung, Atemnot oder Erbrechen bei sehr hohem Blutzucker rufen Sie den Notruf 112.

Häufig gestellte Fragen

Kann hoher Blutzucker das Sehen verschlechtern?

Ja. Bei hohem Blutzucker nimmt die Augenlinse Zucker und Wasser auf und quillt leicht. Dadurch ändert sich ihre Brechkraft, und das Sehen wird verschwommen. Diese Veränderung ist meist vorübergehend.

Wie lange dauert verschwommenes Sehen nach Beginn einer Insulintherapie?

Meist bessert sich die Sicht innerhalb einiger Wochen, wenn sich die Linse an die neuen Blutzuckerwerte angepasst hat. Bleibt die Unschärfe länger bestehen oder verschlechtert sie sich, sollten Sie augenärztlich nachsehen lassen.

Wann sollte ich bei Diabetes eine neue Brille kaufen?

Erst wenn Ihre Blutzuckerwerte mehrere Wochen stabil im Zielbereich liegen, oft nach vier bis sechs Wochen. Sonst kann die neue Brille bald nicht mehr passen, weil sich die Linse erneut verändert.

Ist verschwommenes Sehen bei Diabetes immer harmlos?

Nein. Gleichmäßige, schwankende Unschärfe spricht eher für eine harmlose Linsenquellung. Dunkle Flecken, verzerrte Linien, Schatten oder plötzlicher Sehverlust können aber auf eine Netzhauterkrankung hinweisen und müssen rasch untersucht werden.

Wie oft muss die Netzhaut bei Diabetes kontrolliert werden?

Ohne Netzhautveränderungen meist alle ein bis zwei Jahre, bei bestehender Retinopathie häufiger. Den genauen Abstand legt Ihre Augenärztin oder Ihr Augenarzt anhand Ihres Befundes und Ihrer Risikofaktoren fest.

Kann eine Unterzuckerung Sehstörungen verursachen?

Ja. Bei Unterzuckerung können Verschwommensehen, Doppelbilder oder Flimmern auftreten, meist zusammen mit Zittern, Schwitzen und Heißhunger. Nehmen Sie dann sofort schnell wirksame Kohlenhydrate zu sich und folgen Sie Ihrem Notfallplan.

Quellen
  • American Academy of Ophthalmology – Diabetic Retinopathy (patient information)
  • National Eye Institute – Diabetic Retinopathy
  • NHS – Diabetic retinopathy and diabetic eye screening
  • Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes – Prävention und Therapie von Netzhautkomplikationen
  • Diabetes Control and Complications Trial (DCCT) Research Group – New England Journal of Medicine (1993)
  • UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) Group – The Lancet (1998)

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