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Vitamin A und Nachtsehen: Was hinter dem Möhren-Mythos steckt

Ohne Vitamin A kein Sehen im Dunkeln. Wir erklären die Rolle des Sehpurpurs, die weltweite Bedeutung von Vitamin-A-Mangel und warum zu viel Vitamin A schaden kann.

7 Min. Lesezeit Redaktion

Wer als Kind keine Möhren essen wollte, bekam oft zu hören: Iss das, dann siehst du im Dunkeln besser. An diesem Satz ist tatsächlich ein wahrer Kern. Vitamin A ist für das Sehen bei Dämmerung und in der Nacht unverzichtbar, und ein Mangel führt zu Nachtblindheit. Doch die Geschichte hat Haken: Wer ausreichend versorgt ist, sieht durch zusätzliche Möhren nicht besser, und zu viel Vitamin A kann sogar schaden.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie Vitamin A im Auge wirkt, warum Vitamin-A-Mangel weltweit noch immer eine der wichtigsten Ursachen vermeidbarer Erblindung bei Kindern ist, woher der berühmte Möhren-Mythos aus dem Zweiten Weltkrieg stammt und worauf Sie besonders in der Schwangerschaft achten sollten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vitamin A ist Baustein des Sehpurpurs (Rhodopsin), mit dem die Stäbchen der Netzhaut bei schwachem Licht sehen.
  • Nachtblindheit ist oft das erste Zeichen eines Vitamin-A-Mangels; unbehandelt kann es zur Xerophthalmie bis hin zur Erblindung kommen.
  • Laut WHO ist Vitamin-A-Mangel weltweit eine führende Ursache vermeidbarer Erblindung bei Kindern; in Mitteleuropa ist er selten.
  • Die Geschichte, Karotten hätten britischen Piloten im Zweiten Weltkrieg zu Nachtsicht verholfen, war Kriegspropaganda zur Tarnung des Radars.
  • Zu viel vorgeformtes Vitamin A aus Präparaten oder Leber kann giftig sein und in der Schwangerschaft dem Ungeborenen schaden.

Wie Vitamin A das Sehen im Dunkeln ermöglicht

Die Netzhaut enthält zwei Arten von Sehzellen: Zapfen für das Farbsehen und scharfe Details bei Tageslicht und Stäbchen für das Sehen bei schwachem Licht. Die Stäbchen sind extrem lichtempfindlich, sehen aber nur in Graustufen. Deshalb verblassen Farben in der Dämmerung. Wie die beiden Systeme zusammenarbeiten, erklärt unser Ratgeber So funktioniert das Sehen.

Rhodopsin, der Sehpurpur

In den Stäbchen sitzt der Sehfarbstoff Rhodopsin, auch Sehpurpur genannt. Er besteht aus einem Eiweiß, dem Opsin, und einem kleinen Molekül namens 11-cis-Retinal, das aus Vitamin A gebildet wird. Trifft ein Lichtteilchen auf Rhodopsin, verändert das Retinal blitzschnell seine Form. Diese Formänderung löst eine Kette von Reaktionen aus, an deren Ende ein elektrisches Signal an das Gehirn steht.

Nach der Belichtung zerfällt Rhodopsin, und das Retinal muss im sogenannten Sehzyklus wieder in seine Ausgangsform zurückgeführt werden. Dafür ist ständig Nachschub an Vitamin A nötig. Fehlt es, kann nicht genug Rhodopsin gebildet werden, und die Stäbchen verlieren ihre Empfindlichkeit. Die Folge: Man sieht in der Dämmerung schlecht, und die Anpassung an Dunkelheit dauert länger.

Dunkeladaptation im Alltag

Sie kennen das: Wenn Sie aus einem hellen Raum in die Nacht treten, sehen Sie zunächst fast nichts. Nach einigen Minuten tauchen Umrisse auf, nach etwa 20 bis 30 Minuten hat sich das Auge weitgehend an die Dunkelheit angepasst. Dieser Prozess hängt wesentlich von der Neubildung des Rhodopsins ab.

Vitamin A und die Augenoberfläche

Vitamin A ist nicht nur für die Netzhaut wichtig. Es wird auch für gesunde Schleimhäute benötigt, darunter Bindehaut und Hornhaut. Bei einem Mangel trocknen diese aus, verhornen und werden anfällig für Schäden und Infektionen. Außerdem spielt Vitamin A eine wichtige Rolle für das Immunsystem.

Vitamin-A-Mangel: ein globales Problem

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist ein ernährungsbedingter Vitamin-A-Mangel selten. Weltweit sieht das anders aus. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind vor allem in Teilen Afrikas und Südasiens Hunderte Millionen Kinder im Vorschulalter unzureichend mit Vitamin A versorgt. Die WHO bezeichnet Vitamin-A-Mangel als eine der führenden Ursachen vermeidbarer Erblindung bei Kindern. Zudem erhöht er das Risiko, an Infektionen wie Masern und Durchfallerkrankungen schwer zu erkranken oder zu sterben.

Xerophthalmie: die Stadien

Der Fachbegriff für die Augenschäden durch Vitamin-A-Mangel lautet Xerophthalmie, was wörtlich trockenes Auge bedeutet. Sie verläuft typischerweise in Stufen:

StadiumWas passiertUmkehrbar?
NachtblindheitSchlechtes Sehen in der Dämmerung, oft frühestes ZeichenJa, bei rascher Behandlung
BindehautxeroseBindehaut wird trocken, rau und glanzlosJa
Bitot-FleckenSchaumige, weißlich-graue Flecken auf der BindehautMeist ja
HornhautxeroseHornhaut wird trocken und trübJa, wenn früh behandelt
KeratomalazieHornhaut erweicht, Geschwüre, Durchbruch möglichNein, dauerhafte Narben oder Erblindung

Was dagegen getan wird

In betroffenen Regionen haben Programme mit regelmäßiger hochdosierter Vitamin-A-Gabe für Kleinkinder, die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln und die Förderung des Stillens viel bewirkt. Auch Ansätze wie gezielt gezüchtete, Beta-Carotin-reiche Pflanzensorten werden erprobt. Diese Maßnahmen gehören zu den kosteneffektivsten Gesundheitsprogrammen überhaupt.

Wer in Mitteleuropa gefährdet ist

Hierzulande tritt ein Vitamin-A-Mangel vor allem bei Menschen auf, die Fett schlecht aufnehmen können. Dazu gehören Patientinnen und Patienten mit chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Zöliakie, nach bestimmten Magen-Darm-Operationen, etwa zur Gewichtsreduktion, bei Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse oder der Leber sowie bei schwerem Alkoholmissbrauch. Auch sehr einseitige Ernährung kann eine Rolle spielen. In diesen Fällen sollten Blutwerte regelmäßig ärztlich kontrolliert werden.

Andere Ursachen der Nachtblindheit

Nicht jede Nachtblindheit hat mit Vitamin A zu tun. Häufige Gründe für schlechteres Sehen in der Dunkelheit sind eine unkorrigierte Kurzsichtigkeit, die bei weiter Pupille stärker ins Gewicht fällt, ein beginnender grauer Star, der Licht streut und Blendung verursacht, oder erbliche Netzhauterkrankungen wie die Retinitis pigmentosa. Einen Überblick gibt unser Ratgeber Nachtblindheit. Wenn Sie vor allem beim Autofahren im Dunkeln Probleme haben, finden Sie im Beitrag Nachtfahrten: Blendung, Halos und Sehen weitere Informationen.

Bei bestimmten Formen der Retinitis pigmentosa wurde Vitamin A in Studien untersucht. Die Ergebnisse sind nicht eindeutig, und bei manchen genetischen Formen kann Vitamin A sogar schaden. Eine solche Behandlung gehört ausschließlich in fachärztliche Hände.

Der Möhren-Mythos aus dem Zweiten Weltkrieg

Die Vorstellung, Karotten verliehen besondere Nachtsicht, wurde im Zweiten Weltkrieg in Großbritannien gezielt verbreitet. Die Royal Air Force setzte damals eine neue Radartechnik in ihren Nachtjägern ein, mit der sie deutsche Bomber im Dunkeln aufspüren konnte. Um diese Technik geheim zu halten, wurde die Erfolgsquote erfolgreicher Piloten öffentlich mit ihrem hohen Karottenkonsum erklärt. Besonders bekannt wurde der Pilot John Cunningham, der den Spitznamen Cat’s Eyes erhielt.

Gleichzeitig förderte das britische Ernährungsministerium den Karottenverzehr in der Bevölkerung, weil Möhren reichlich vorhanden waren, während andere Lebensmittel rationiert wurden. Kampagnenfiguren wie Doctor Carrot sollten Karotten populär machen und versprachen, dass man damit bei der Verdunkelung besser sehen könne.

Was ist also dran? Wer an Vitamin-A-Mangel leidet, sieht durch eine bessere Versorgung tatsächlich wieder besser im Dunkeln. Wer jedoch bereits ausreichend versorgt ist, und das sind in Mitteleuropa die allermeisten, erreicht durch zusätzliche Karotten keine Nachtsicht wie eine Katze. Weitere verbreitete Irrtümer rund um das Sehen sammelt unser Ratgeber Mythen und Fakten.

Woher bekommen wir Vitamin A?

Vitamin A kommt in zwei Formen in der Nahrung vor:

  • Vorgeformtes Vitamin A (Retinol): in tierischen Lebensmitteln wie Leber, Lebertran, Eigelb, Butter, Käse und Vollmilch. Leber ist besonders reich daran.
  • Provitamin A (vor allem Beta-Carotin): in orangefarbenem und grünem Gemüse und Obst wie Karotten, Süßkartoffeln, Kürbis, Grünkohl, Spinat, Mango und Aprikosen. Der Körper wandelt es bei Bedarf in Vitamin A um.

Ein großer Vorteil des Beta-Carotins aus Lebensmitteln: Der Körper reguliert die Umwandlung und bildet nur so viel Vitamin A, wie er braucht. Eine Vergiftung durch Karotten ist deshalb praktisch ausgeschlossen. Wer sehr viele Karotten isst, bekommt höchstens eine harmlose gelb-orange Verfärbung der Haut, die sich wieder zurückbildet. Weitere augenfreundliche Lebensmittel finden Sie im Beitrag 15 Lebensmittel für die Augengesundheit.

Wenn zu viel schadet: Vitamin-A-Überdosierung

Anders sieht es bei vorgeformtem Vitamin A aus. Weil es fettlöslich ist und in der Leber gespeichert wird, kann es sich bei hoher Zufuhr anreichern. Eine Überdosierung (Hypervitaminose A) entsteht fast immer durch hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel, sehr häufigen Verzehr von Leber oder Lebertran.

Mögliche Folgen

  • Akut bei sehr hohen Dosen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Sehstörungen
  • Chronisch: Leberschäden, Knochenschwund mit erhöhtem Bruchrisiko, trockene Haut, Haarausfall
  • Erhöhter Hirndruck, der sich mit Kopfschmerzen und Sehstörungen bemerkbar machen kann

Europäische Behörden haben für Erwachsene eine tolerierbare tägliche Höchstmenge für vorgeformtes Vitamin A festgelegt, die mit normaler Ernährung kaum überschritten wird. Bei Präparaten sollten Sie deshalb immer auf die Dosierung achten und die Einnahme ärztlich abstimmen.

Hinweis für Raucherinnen und Raucher: Hochdosierte Beta-Carotin-Präparate erhöhten in großen Studien bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko. Das gilt nicht für Beta-Carotin aus Obst und Gemüse, wohl aber für Kapseln.

Vitamin A in der Schwangerschaft

In der Schwangerschaft ist besondere Vorsicht geboten. Eine zu hohe Zufuhr von vorgeformtem Vitamin A kann beim Ungeborenen Fehlbildungen verursachen, besonders in den ersten Schwangerschaftswochen. Gesundheitsbehörden wie der britische NHS raten Schwangeren daher:

  • auf Leber und Leberprodukte wie Leberwurst oder Leberpastete zu verzichten,
  • keine Nahrungsergänzungsmittel mit vorgeformtem Vitamin A ohne ärztliche Rücksprache einzunehmen, einschließlich Lebertran,
  • spezielle Schwangerschaftspräparate zu wählen, die in der Regel kein oder nur wenig Retinol enthalten.

Beta-Carotin aus Gemüse und Obst ist dagegen unbedenklich und ausdrücklich erwünscht. Auch bestimmte Medikamente mit Vitamin-A-Abkömmlingen, sogenannte Retinoide, die etwa gegen schwere Akne eingesetzt werden, können das Ungeborene schwer schädigen. Wer solche Mittel einnimmt und schwanger werden könnte, muss strikte ärztliche Vorgaben einhalten. Mehr zum Thema finden Sie im Ratgeber Augen in der Schwangerschaft.

Wann Sie zum Arzt sollten

Lassen Sie sich ärztlich untersuchen, wenn:

  • Sie in der Dämmerung deutlich schlechter sehen als früher oder sich nur sehr langsam an Dunkelheit gewöhnen
  • Ihre Augen trotz Tränenersatzmitteln ständig trocken sind und Sie zugleich eine Darmerkrankung haben oder eine Magen-Darm-Operation hinter sich haben
  • Sie weißliche Flecken auf der Bindehaut bemerken
  • Sie hochdosierte Vitamin-A-Präparate einnehmen und Kopfschmerzen, Übelkeit oder Sehstörungen auftreten
  • Sie schwanger sind oder werden möchten und Vitamin-A-haltige Präparate oder Retinoide verwenden

Plötzlicher Sehverlust, starke Kopfschmerzen mit Sehstörungen oder Augenschmerzen sind Notfälle und müssen sofort abgeklärt werden.

Fazit

Vitamin A ist für das Nachtsehen unersetzlich: Ohne es kann der Sehpurpur nicht gebildet werden. Weltweit ist ein Mangel noch immer eine bedeutende Ursache vermeidbarer Kindererblindung, in Mitteleuropa betrifft er vor allem Menschen mit Aufnahmestörungen. Der Möhren-Mythos stammt aus der Kriegspropaganda: Karotten sind gesund, verleihen aber keine Supersicht. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit buntem Gemüse deckt den Bedarf sicher, während hochdosierte Präparate, vor allem in der Schwangerschaft, nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden sollten.

Häufig gestellte Fragen

Sieht man mit Karotten wirklich besser im Dunkeln?

Nur wenn ein Vitamin-A-Mangel besteht. Wer ausreichend versorgt ist, sieht durch zusätzliche Karotten nicht besser. Die Geschichte von den Karotten essenden Nachtpiloten im Zweiten Weltkrieg war britische Propaganda zur Tarnung des Radars.

Was ist das erste Anzeichen eines Vitamin-A-Mangels?

Häufig ist Nachtblindheit das früheste Symptom: Man sieht in der Dämmerung schlecht und gewöhnt sich nur langsam an Dunkelheit. Später können die Augen trocken werden und Bitot-Flecken auf der Bindehaut entstehen.

Kann man zu viel Vitamin A aufnehmen?

Ja, vorgeformtes Vitamin A aus Präparaten, Leber oder Lebertran kann sich anreichern und Leber, Knochen und Nervensystem schädigen. Beta-Carotin aus Obst und Gemüse führt dagegen praktisch nie zu einer Vergiftung, weil der Körper die Umwandlung regelt.

Dürfen Schwangere Leber essen?

Gesundheitsbehörden raten Schwangeren, auf Leber und Leberprodukte zu verzichten, da der hohe Gehalt an vorgeformtem Vitamin A dem Ungeborenen schaden kann. Auch Präparate mit Vitamin A sollten nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden.

Wer ist in Deutschland von Vitamin-A-Mangel betroffen?

Ein Mangel ist selten und betrifft vor allem Menschen mit gestörter Fettaufnahme, etwa bei chronischen Darmerkrankungen, nach Magen-Darm-Operationen oder bei Leber- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen. Hier sind regelmäßige ärztliche Kontrollen wichtig.

Was ist Xerophthalmie?

Xerophthalmie bezeichnet die Augenschäden durch schweren Vitamin-A-Mangel. Sie reicht von Nachtblindheit über trockene Bindehaut und Hornhaut bis zur Keratomalazie, bei der die Hornhaut erweicht und das Auge erblinden kann.

Quellen
  • World Health Organization – Micronutrient deficiencies: Vitamin A deficiency
  • World Health Organization – Global prevalence of vitamin A deficiency in populations at risk 1995–2005 (WHO Global Database on Vitamin A Deficiency, 2009)
  • NHS – Vitamin A
  • NHS – Foods to avoid in pregnancy
  • European Food Safety Authority – Scientific Opinion on Dietary Reference Values for vitamin A (2015)
  • American Academy of Ophthalmology – Vitamin A Deficiency

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