Kurzsichtigkeit nimmt zu: Warum immer mehr Menschen betroffen sind
Kurzsichtigkeit entwickelt sich zu einer der häufigsten Gesundheitsfragen weltweit. Wir erklären Zahlen, Ursachen und warum hohe Myopie mehr ist als eine Frage der Brillenstärke.
Vor wenigen Generationen war Kurzsichtigkeit in vielen Teilen der Welt eher die Ausnahme. Heute tragen in manchen Großstädten Ostasiens fast alle jungen Erwachsenen eine Brille oder Kontaktlinsen, und auch in Europa steigt der Anteil kurzsichtiger Menschen kontinuierlich. Fachleute sprechen inzwischen von einer regelrechten Myopie-Epidemie. Das klingt dramatisch – und ist es in gewisser Weise auch, denn hinter den Zahlen steckt mehr als die Frage nach der richtigen Brille.
In diesem Beitrag erfahren Sie, wie stark die Kurzsichtigkeit weltweit zugenommen hat, welche Ursachen die Forschung dafür ausgemacht hat und warum besonders die hohe Kurzsichtigkeit ernsthafte Risiken für das spätere Leben mit sich bringt. Zum Schluss zeigen wir, was Sie für sich und Ihre Kinder tun können.
Das Wichtigste in Kürze
- Nach einer viel zitierten Hochrechnung (Holden und Kollegen, 2016) könnte bis 2050 etwa die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein, rund ein Zehntel hochgradig.
- Besonders stark ist der Anstieg in Ostasien, wo in manchen Städten der Großteil der jungen Erwachsenen kurzsichtig ist.
- Der rasche Anstieg lässt sich nicht durch Gene allein erklären; Lebensstilfaktoren wie viel Naharbeit und wenig Tageslicht spielen eine zentrale Rolle.
- Hohe Kurzsichtigkeit erhöht das Risiko für Netzhautablösung, myope Makulopathie, Grünen und Grauen Star.
- Zeit im Freien und frühzeitige Behandlung können das Entstehen und Fortschreiten bei Kindern bremsen.
Was ist Kurzsichtigkeit?
Bei Kurzsichtigkeit (Myopie) sehen Betroffene in der Nähe scharf, in der Ferne dagegen unscharf. In den meisten Fällen liegt das daran, dass der Augapfel zu lang ist. Das einfallende Licht wird dadurch vor der Netzhaut gebündelt statt genau auf ihr. Man spricht von einer Achsenmyopie. Seltener ist die Brechkraft von Hornhaut oder Linse zu stark.
Gemessen wird die Kurzsichtigkeit in Dioptrien mit negativem Vorzeichen. Ab etwa minus 0,5 Dioptrien spricht man von Myopie, ab etwa minus 5 bis minus 6 Dioptrien von hoher Myopie – die genaue Grenze unterscheidet sich je nach Definition. Wichtig zu wissen: Eine Kurzsichtigkeit entsteht meist im Schulalter und nimmt zu, solange das Auge wächst. Je früher sie beginnt, desto höher wird sie in der Regel im Erwachsenenalter. Ausführliche Grundlagen bietet der Ratgeber zur Kurzsichtigkeit.
Die Zahlen: Wie stark nimmt Kurzsichtigkeit zu?
Weltweite Entwicklung
Die bekannteste Analyse zur weltweiten Verbreitung stammt von einem Forscherteam um Brien Holden und wurde 2016 in der Fachzeitschrift Ophthalmology veröffentlicht. Die Autoren werteten zahlreiche Studien aus und kamen zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2000 etwa ein knappes Viertel der Weltbevölkerung kurzsichtig war. Für das Jahr 2050 rechneten sie mit rund der Hälfte – etwa fünf Milliarden Menschen. Der Anteil der hohen Kurzsichtigkeit könnte im gleichen Zeitraum von rund zwei bis drei Prozent auf etwa zehn Prozent steigen, also auf fast eine Milliarde Menschen.
| Jahr | Kurzsichtigkeit weltweit (Schätzung) | Hohe Kurzsichtigkeit (Schätzung) |
|---|---|---|
| 2000 | ca. 23 % der Weltbevölkerung | ca. 3 % |
| 2050 (Projektion) | ca. 50 % der Weltbevölkerung | ca. 10 % |
Solche Projektionen beruhen auf Annahmen und sind mit Unsicherheiten behaftet. Die Richtung ist jedoch eindeutig und wird von vielen späteren Studien bestätigt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt nicht korrigierte Fehlsichtigkeiten, zu denen die Kurzsichtigkeit gehört, zu den häufigsten Ursachen für Sehbehinderung weltweit.
Ostasien als Brennpunkt
Besonders auffällig ist die Entwicklung in Ostasien. In Ländern und Regionen wie Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong und den Großstädten Chinas sind Untersuchungen zufolge in manchen Gruppen junger Erwachsener 80 bis über 90 Prozent kurzsichtig. Noch vor wenigen Jahrzehnten lagen die Werte deutlich niedriger. Diese Region ist deshalb auch das wichtigste Forschungsfeld, und viele der Präventionsstudien stammen von dort.
Europa und Deutschland
In Europa ist die Situation weniger extrem, aber auch hier steigt der Anteil. Eine große Auswertung europäischer Bevölkerungsstudien des E3-Konsortiums fand, dass etwa ein Drittel der Erwachsenen kurzsichtig ist und dass jüngere Jahrgänge häufiger betroffen sind als ältere. Zudem zeigte sich ein klarer Zusammenhang mit der Bildungsdauer: Menschen mit langer Schul- und Hochschulausbildung sind häufiger kurzsichtig.
Warum nimmt Kurzsichtigkeit so stark zu?
Gene verändern sich nicht innerhalb von zwei oder drei Generationen. Der rasante Anstieg muss daher vor allem mit veränderten Lebensbedingungen zusammenhängen. Die Forschung hat drei Hauptfaktoren identifiziert.
1. Viel Naharbeit
Lesen, Schreiben, Lernen, Bildschirme – Kinder und Jugendliche verbringen heute deutlich mehr Zeit mit Tätigkeiten in kurzer Entfernung als frühere Generationen. Viele Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen intensiver Naharbeit und Kurzsichtigkeit. Ungünstig scheinen vor allem ein sehr kurzer Leseabstand und lange Phasen ohne Pause zu sein. Der genaue Mechanismus ist noch nicht vollständig verstanden. Eine Theorie besagt, dass bei Naharbeit das Bild in den Randbereichen der Netzhaut hinter dieser liegt und das Auge darauf mit verstärktem Längenwachstum reagiert.
Dass Bildung ein starker Risikofaktor ist, untermauert eine britische Studie mit genetischen Methoden (Mendelscher Randomisierung): Jedes zusätzliche Bildungsjahr war mit einer etwas stärkeren Kurzsichtigkeit verbunden. Das bedeutet nicht, dass Lernen schlecht ist – wohl aber, dass die Begleitumstände des Lernens eine Rolle spielen.
2. Zu wenig Tageslicht
Der vielleicht wichtigste Befund der letzten zwei Jahrzehnte: Kinder, die viel Zeit im Freien verbringen, werden seltener kurzsichtig – unabhängig davon, wie viel sie lesen. Mehrere kontrollierte Studien in Asien haben gezeigt, dass zusätzliche Zeit draußen während der Schulzeit die Zahl neuer Kurzsichtigkeitsfälle senkt. Als Ursache vermutet man die hohe Lichtintensität im Freien, die die Freisetzung des Botenstoffs Dopamin in der Netzhaut fördert und so das Längenwachstum des Auges bremst. Der Beitrag Zeit im Freien als Schutz vor Kurzsichtigkeit geht darauf ausführlich ein.
Moderne Lebensweisen haben die Zeit draußen stark reduziert: längere Schultage, Nachhilfe, Fahrten im Auto statt zu Fuß und Freizeit in Innenräumen. Selbst ein heller Klassenraum ist um ein Vielfaches dunkler als ein bewölkter Tag im Freien. Mehr zum Thema Licht finden Sie im Ratgeber Tageslicht und natürliches Sehen.
3. Genetische Veranlagung
Gene spielen dennoch eine Rolle. Kinder mit einem kurzsichtigen Elternteil haben ein höheres Risiko, mit zwei kurzsichtigen Eltern ist es noch deutlich größer. Inzwischen sind zahlreiche Genvarianten bekannt, die jeweils einen kleinen Beitrag leisten. Gene erklären, warum manche Kinder unter gleichen Bedingungen kurzsichtig werden und andere nicht, aber nicht den weltweiten Anstieg. Es handelt sich um ein Zusammenspiel: Gene bestimmen die Anfälligkeit, die Umwelt entscheidet mit darüber, ob und wie stark sich die Kurzsichtigkeit entwickelt.
Und Bildschirme? Smartphones und Tablets werden häufig als Hauptschuldige genannt. Sie tragen sicher zur Naharbeit bei, doch der Anstieg der Kurzsichtigkeit begann in Ostasien bereits, bevor Smartphones verbreitet waren. Bildschirme sind also ein Teil des Problems, nicht seine alleinige Ursache. Hinweise für Familien gibt der Beitrag Bildschirmzeit und Kinderaugen.
Warum hohe Kurzsichtigkeit gefährlich ist
Eine leichte Kurzsichtigkeit lässt sich mit Brille oder Kontaktlinsen problemlos ausgleichen. Bei einer hohen Kurzsichtigkeit ist das anders: Der stark verlängerte Augapfel bedeutet, dass Netzhaut, Aderhaut und Lederhaut gedehnt und dünner werden. Daraus ergeben sich Risiken, die auch durch die beste Brille nicht verschwinden.
| Komplikation | Was passiert | Typische Warnzeichen |
|---|---|---|
| Netzhautablösung | Die gedehnte Netzhaut reißt leichter ein und kann sich von der Unterlage lösen | Lichtblitze, plötzlich viele schwarze Punkte, Schatten oder Vorhang im Gesichtsfeld |
| Myope Makulopathie | Degenerative Veränderungen der Netzhautmitte, teils mit Gefäßneubildungen | Verzerrtes Sehen, dunkler Fleck in der Bildmitte, nachlassende Lesefähigkeit |
| Glaukom (Grüner Star) | Erhöhtes Risiko für Schäden am Sehnerv | Lange keine Beschwerden, später Gesichtsfeldausfälle |
| Katarakt (Grauer Star) | Linsentrübung tritt oft früher auf | Zunehmend verschwommenes, blendempfindliches Sehen |
Die myope Makulopathie gilt in mehreren ostasiatischen Ländern bereits als eine der häufigsten Ursachen für irreversible Sehbehinderung. Das Risiko für diese Komplikationen steigt mit jeder Dioptrie. Deshalb verfolgt man heute das Ziel, die Kurzsichtigkeit bei Kindern möglichst spät beginnen zu lassen und ihr Fortschreiten zu verlangsamen – jede verhinderte Dioptrie zählt. Mehr über eine der gefährlichsten Komplikationen erfahren Sie im Ratgeber zur Netzhautablösung.
Hinweis für Erwachsene mit hoher Kurzsichtigkeit: Auch eine Laseroperation verändert zwar die Brillenstärke, aber nicht die Länge des Augapfels. Das erhöhte Risiko für Netzhautprobleme bleibt bestehen. Regelmäßige augenärztliche Kontrollen mit Untersuchung des Augenhintergrunds sind daher wichtig.
Was kann man tun?
Vorbeugung bei Kindern
- Zeit im Freien: Etwa zwei Stunden täglich gelten als wirksamer Schutz vor dem Entstehen einer Kurzsichtigkeit.
- Pausen bei Naharbeit: Regelmäßig den Blick in die Ferne richten und aufstehen.
- Ausreichender Abstand: Bücher und Bildschirme nicht zu nah an die Augen halten.
- Gute Beleuchtung: Bei Hausaufgaben für helles, gleichmäßiges Licht sorgen.
- Frühe Kontrollen: Besonders Kinder kurzsichtiger Eltern sollten regelmäßig untersucht werden.
Bremsen des Fortschreitens
Ist eine Kurzsichtigkeit bereits entstanden, gibt es inzwischen mehrere wissenschaftlich untersuchte Möglichkeiten, ihr Fortschreiten zu verlangsamen:
- Niedrig dosierte Atropin-Augentropfen: In Studien wie LAMP aus Hongkong wurde eine konzentrationsabhängige Wirkung nachgewiesen. Ob und welche Konzentration eingesetzt wird, entscheidet die Augenärztin oder der Augenarzt.
- Spezielle Brillengläser: Gläser mit besonderer Optik in den Randbereichen können das Längenwachstum bremsen.
- Kontaktlinsen: Multifokale weiche Linsen oder Orthokeratologie-Linsen, die nachts getragen werden.
Keine dieser Methoden macht eine bestehende Kurzsichtigkeit rückgängig. Augenübungen haben übrigens keinen nachgewiesenen Effekt auf die Kurzsichtigkeit, wie der Beitrag Augenübungen: Was die Wissenschaft sagt erläutert.
Gesellschaftliche Dimension
Die Zunahme der Kurzsichtigkeit ist nicht nur ein individuelles Thema. Sie betrifft Bildungspolitik, Stadtplanung und Gesundheitssysteme. Länder wie Taiwan und China haben Programme eingeführt, die mehr Zeit im Freien in den Schulalltag integrieren. Auch in Europa wird diskutiert, wie Schulen und Kitas mehr Tageslicht ermöglichen können. Für die Gesundheitssysteme bedeutet die steigende Zahl hoher Myopien, dass in Zukunft mehr Netzhauterkrankungen behandelt werden müssen.
Wann Sie zum Augenarzt sollten
Lassen Sie die Augen Ihres Kindes untersuchen, wenn es die Augen zusammenkneift, Bücher sehr nah hält, über Kopfschmerzen klagt oder Schwierigkeiten hat, die Tafel zu erkennen. Kinder kurzsichtiger Eltern sollten auch ohne Beschwerden regelmäßig kontrolliert werden. Erwachsene mit hoher Kurzsichtigkeit sollten ihren Augenhintergrund regelmäßig untersuchen lassen, wie oft, besprechen Sie am besten mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt.
Notfall – sofort zur Augenklinik oder zum augenärztlichen Notdienst: plötzlich auftretende Lichtblitze, ein Schwarm neuer schwarzer Punkte oder Fäden, ein Schatten oder Vorhang, der sich über das Gesichtsfeld schiebt, plötzlich verzerrtes Sehen oder ein dunkler Fleck in der Bildmitte. Diese Zeichen können auf eine Netzhautablösung oder eine Komplikation an der Makula hinweisen, bei denen schnelles Handeln das Sehvermögen retten kann.
Fazit
Kurzsichtigkeit nimmt weltweit rasant zu, und bis 2050 könnte etwa jeder zweite Mensch betroffen sein. Ursache ist vor allem ein Lebensstil mit viel Naharbeit und wenig Tageslicht, der auf eine genetische Veranlagung trifft. Problematisch ist vor allem die hohe Kurzsichtigkeit, weil sie das Risiko für ernste Augenerkrankungen erhöht. Die gute Nachricht: Mit ausreichend Zeit im Freien, bewussten Pausen und modernen Behandlungsmöglichkeiten lässt sich das Entstehen und Fortschreiten bei Kindern wirksam bremsen.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Menschen werden in Zukunft kurzsichtig sein?
Nach einer viel beachteten Hochrechnung von Holden und Kollegen aus dem Jahr 2016 könnte bis 2050 etwa die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein. Rund zehn Prozent könnten eine hohe Kurzsichtigkeit haben. Solche Prognosen sind Schätzungen, die Richtung gilt aber als gesichert.
Ist Kurzsichtigkeit erblich?
Teilweise. Kinder kurzsichtiger Eltern haben ein deutlich höheres Risiko. Den raschen weltweiten Anstieg können Gene aber nicht erklären; hier spielen Naharbeit und zu wenig Tageslicht eine zentrale Rolle.
Ab wann gilt Kurzsichtigkeit als hoch?
Meist spricht man ab etwa minus 5 bis minus 6 Dioptrien von hoher Kurzsichtigkeit, je nach Definition. In diesem Bereich steigt das Risiko für Netzhautablösung, myope Makulopathie, Glaukom und frühen Grauen Star.
Kann eine Laseroperation das Risiko hoher Kurzsichtigkeit beseitigen?
Nein. Eine Laseroperation verändert die Brechkraft der Hornhaut, nicht aber die Länge des Augapfels. Die Dehnung der Netzhaut und das damit verbundene Risiko bleiben bestehen, weshalb regelmäßige Kontrollen wichtig sind.
Warum sind besonders Länder in Ostasien betroffen?
Vermutet wird eine Kombination aus sehr intensiver schulischer Bildung mit viel Naharbeit, wenig Zeit im Freien während der Schulzeit und möglicherweise einer gewissen genetischen Anfälligkeit. In einigen Städten sind die meisten jungen Erwachsenen kurzsichtig.
Was ist der wichtigste Schutz für Kinder?
Die am besten belegte Maßnahme ist ausreichend Zeit im Freien, etwa zwei Stunden pro Tag. Ergänzend helfen Pausen bei Naharbeit, ausreichender Leseabstand und regelmäßige augenärztliche Kontrollen.
Quellen
- Holden BA et al. – Global Prevalence of Myopia and High Myopia and Temporal Trends from 2000 through 2050, Ophthalmology 2016
- World Health Organization – World report on vision (2019)
- Williams KM et al. – Prevalence of refractive error in Europe: the European Eye Epidemiology (E3) Consortium, European Journal of Epidemiology 2015
- Mountjoy E et al. – Education and myopia: assessing the direction of causality by mendelian randomisation, BMJ 2018
- International Myopia Institute – IMI White Papers (2019, 2021, 2023)
- Yam JC et al. – Low-Concentration Atropine for Myopia Progression (LAMP) Study, Ophthalmology 2019
- Morgan IG, Ohno-Matsui K, Saw SM – Myopia, The Lancet 2012
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