Augengymnastik

Augengesundheit

Augenkrankheiten in der Familie: Wie hoch ist Ihr eigenes Risiko?

Viele Augenerkrankungen treten familiär gehäuft auf. Wer seine Familiengeschichte kennt, kann Vorsorge gezielt planen und Sehverlust oft verhindern.

7 Min. Lesezeit Redaktion

Die Augenfarbe, die Form der Lider, die Neigung zur Kurzsichtigkeit: Vieles an unseren Augen haben wir von unseren Eltern geerbt. Das gilt leider auch für das Risiko einiger Augenerkrankungen. Wenn Ihre Mutter am grünen Star erkrankt ist oder Ihr Großvater im Alter wegen einer Makuladegeneration nicht mehr lesen konnte, ist das mehr als eine Familienanekdote. Es ist eine wertvolle medizinische Information, die Ihre eigene Vorsorge verändern sollte.

Eine familiäre Vorbelastung bedeutet nicht, dass Sie zwangsläufig erkranken. Sie bedeutet aber, dass es sich lohnt, früher und regelmäßiger hinzuschauen. Viele dieser Erkrankungen verlaufen anfangs ohne Beschwerden, lassen sich aber bei früher Entdeckung gut behandeln oder zumindest bremsen. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Augenkrankheiten familiär gehäuft auftreten, wie sie vererbt werden, welche Untersuchungen sinnvoll sind und welche Informationen Ihre Augenärztin oder Ihr Augenarzt von Ihnen braucht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beim Offenwinkelglaukom haben Verwandte ersten Grades ein deutlich erhöhtes Risiko; frühe und regelmäßige Kontrollen sind besonders wichtig.
  • Die altersbedingte Makuladegeneration hat eine starke genetische Komponente, wird aber auch durch Rauchen und Lebensstil beeinflusst.
  • Kurzsichtige Eltern haben häufiger kurzsichtige Kinder; Zeit im Freien kann das Risiko bei Kindern senken.
  • Erbliche Netzhauterkrankungen wie Retinitis pigmentosa und die Rot-Grün-Schwäche folgen bestimmten Erbgängen; eine genetische Beratung kann helfen.
  • Erzählen Sie Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt, wer in Ihrer Familie welche Augenerkrankung hatte und in welchem Alter.

Wie Augenkrankheiten vererbt werden

Grob lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. Bei den sogenannten monogenen Erkrankungen genügt eine Veränderung in einem einzelnen Gen, um die Krankheit auszulösen. Sie folgen klaren Erbgängen und sind meist selten, zum Beispiel viele erbliche Netzhautdystrophien. Bei den komplexen oder multifaktoriellen Erkrankungen tragen dagegen viele Gene jeweils ein kleines Stück zum Risiko bei, und Umweltfaktoren wie Rauchen, Ernährung oder Naharbeit spielen ebenfalls eine Rolle. Dazu gehören die häufigen Volkskrankheiten Glaukom, Makuladegeneration und Kurzsichtigkeit.

Die wichtigsten Erbgänge

ErbgangWas bedeutet das?Beispiele
Autosomal-dominantEine veränderte Genkopie reicht; ein betroffener Elternteil gibt sie mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit weiterManche Formen der Retinitis pigmentosa, einige juvenile Glaukome
Autosomal-rezessivBeide Genkopien müssen verändert sein; Eltern sind oft gesunde TrägerViele Netzhautdystrophien, z. B. Morbus Stargardt
X-chromosomalGen liegt auf dem X-Chromosom; Männer sind deutlich häufiger betroffen, Frauen oft ÜberträgerinnenRot-Grün-Schwäche, manche Formen der Retinitis pigmentosa
MultifaktoriellViele Gene plus Umwelt- und LebensstilfaktorenGlaukom, AMD, Kurzsichtigkeit

Glaukom (grüner Star)

Das Glaukom ist eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen der Sehnerv allmählich geschädigt wird, oft in Verbindung mit einem erhöhten Augeninnendruck. Das Tückische: Das Gesichtsfeld geht von außen nach innen verloren, und Betroffene bemerken das meist erst, wenn schon ein großer Teil des Sehnervs zerstört ist. Verlorenes Sehvermögen lässt sich nicht zurückgewinnen.

Die familiäre Häufung ist beim Offenwinkelglaukom, der häufigsten Form, besonders gut belegt. Verwandte ersten Grades, also Eltern, Geschwister und Kinder von Betroffenen, haben ein mehrfach erhöhtes Risiko. Fachgesellschaften wie die American Academy of Ophthalmology und das NHS nennen die Familiengeschichte deshalb als einen der wichtigsten Risikofaktoren. In Großbritannien haben Verwandte ersten Grades von Glaukom-Betroffenen ab 40 Jahren sogar Anspruch auf kostenlose jährliche Augenuntersuchungen.

Auch das seltenere Winkelblockglaukom tritt familiär gehäuft auf, da die Anatomie des Auges, etwa eine flache Vorderkammer, vererbt wird. Weitere Risikofaktoren für Glaukom sind höheres Alter, afrikanische Abstammung, hohe Kurzsichtigkeit und die langfristige Einnahme von Kortison. Mehr erfahren Sie im Ratgeber Glaukom.

Wenn in Ihrer Familie ein Glaukom bekannt ist, sollte bei der Untersuchung nicht nur der Augendruck gemessen werden. Eine vollständige Glaukomvorsorge umfasst auch die Beurteilung des Sehnervs und bei Bedarf eine Gesichtsfelduntersuchung sowie bildgebende Verfahren wie die OCT.

Altersbedingte Makuladegeneration (AMD)

Die AMD betrifft die Stelle des schärfsten Sehens und ist eine der Hauptursachen für schwere Sehbehinderung im Alter. Zwillings- und Familienstudien zeigen, dass die Gene hier eine große Rolle spielen. Bestimmte Varianten, etwa in Genen des Komplementsystems, einem Teil der Immunabwehr, erhöhen das Risiko deutlich. Menschen mit einem betroffenen Elternteil oder Geschwisterkind haben ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken.

Die Gene sind aber nicht alles. Rauchen erhöht das Risiko erheblich und verstärkt den Effekt ungünstiger Genvarianten. Eine Ernährung reich an grünem Blattgemüse und Fisch ist dagegen mit einem geringeren Risiko verbunden. Ein Gentest wird im Alltag derzeit nicht empfohlen, weil er die Behandlung nicht verändert. Wichtig sind Kontrollen ab dem mittleren Lebensalter und ein gesunder Lebensstil. Vorbeugend Augen-Vitamine einzunehmen, ist bei gesunder Makula nicht durch Studien gestützt; Details dazu lesen Sie im Beitrag AREDS-Präparate: Wer profitiert wirklich?.

Kurzsichtigkeit und hohe Myopie

Kinder kurzsichtiger Eltern werden häufiger selbst kurzsichtig, besonders wenn beide Eltern betroffen sind. Ein Teil davon ist genetisch, ein anderer Teil liegt an gemeinsamen Lebensgewohnheiten wie viel Naharbeit und wenig Tageslicht. Der weltweite Anstieg der Kurzsichtigkeit in nur wenigen Jahrzehnten zeigt, dass Umweltfaktoren eine große Rolle spielen, denn Gene verändern sich nicht so schnell. Hintergründe erklärt der Beitrag Warum Kurzsichtigkeit weltweit zunimmt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die hohe Myopie, meist definiert als minus 6 Dioptrien oder mehr. Sie ist nicht nur eine Frage der Brillenstärke: Das Auge ist dabei verlängert, und die Netzhaut wird gedehnt. Dadurch steigt im Laufe des Lebens das Risiko für Netzhautablösung, Glaukom, Grauen Star und Veränderungen der Makula. Wer hoch kurzsichtig ist, sollte regelmäßig den Augenhintergrund untersuchen lassen.

Für Familien mit kurzsichtigen Eltern gibt es eine gute Nachricht: Viel Zeit im Freien, idealerweise rund zwei Stunden täglich, kann bei Kindern das Risiko senken, kurzsichtig zu werden. Zudem gibt es heute Behandlungsmöglichkeiten, die das Fortschreiten verlangsamen können, etwa niedrig dosierte Atropin-Augentropfen oder spezielle Brillengläser und Kontaktlinsen. Augenübungen gehören nicht dazu: Sie können eine Kurzsichtigkeit weder verhindern noch heilen.

Erbliche Netzhauterkrankungen

Erbliche Netzhautdystrophien sind eine Gruppe seltener Erkrankungen, bei denen die Sehzellen nach und nach zugrunde gehen. Die bekannteste ist die Retinitis pigmentosa, die typischerweise mit Nachtblindheit und einer Einengung des Gesichtsfelds beginnt. Andere Beispiele sind Morbus Stargardt, der vor allem die Makula betrifft und oft schon im Kindes- oder Jugendalter beginnt, sowie die Zapfen-Stäbchen-Dystrophien.

Bei diesen Erkrankungen ist eine genetische Diagnostik heute besonders wertvoll. Sie kann den Erbgang klären, das Risiko für Kinder und Geschwister einschätzen und in manchen Fällen den Zugang zu Studien oder Therapien eröffnen. Für eine bestimmte Form, die durch Veränderungen im Gen RPE65 verursacht wird, gibt es bereits eine zugelassene Gentherapie. Eine humangenetische Beratung in einem spezialisierten Zentrum ist für betroffene Familien empfehlenswert.

Farbsehschwäche

Die häufigste Form der Farbsehschwäche ist die Rot-Grün-Schwäche. Sie wird X-chromosomal-rezessiv vererbt. Da Männer nur ein X-Chromosom haben, sind sie deutlich häufiger betroffen: In Europa haben etwa acht Prozent der Männer und weniger als ein Prozent der Frauen eine Rot-Grün-Schwäche. Frauen sind häufig Überträgerinnen, ohne selbst betroffen zu sein.

  • Ein betroffener Vater gibt die Anlage an alle Töchter weiter, die dann Überträgerinnen sind, aber an keinen Sohn.
  • Eine Überträgerin gibt die Anlage mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit an jedes Kind weiter; Söhne, die sie erben, sind betroffen.
  • Darum taucht die Rot-Grün-Schwäche oft beim Großvater mütterlicherseits und beim Enkel auf.

Die angeborene Farbsehschwäche ist nicht behandelbar, verschlechtert sich aber auch nicht. Wichtig ist, sie früh zu erkennen, etwa für die Berufswahl. Mehr dazu im Ratgeber Farbenblindheit. Einen ersten Eindruck kann unser Farbsehtest geben, der eine augenärztliche Untersuchung aber nicht ersetzt.

Weitere familiär gehäufte Augenerkrankungen

  • Schielen und Schwachsichtigkeit: treten in manchen Familien gehäuft auf. Kinder mit betroffenen Eltern oder Geschwistern sollten früh untersucht werden.
  • Keratokonus: eine fortschreitende Vorwölbung der Hornhaut, die familiär gehäuft vorkommen kann.
  • Angeborener grauer Star: kann erblich sein und muss früh erkannt werden, damit sich das Sehen normal entwickelt.
  • Hohe Weitsichtigkeit: erhöht bei Kindern das Risiko für Schielen und Schwachsichtigkeit.

Empfohlene Vorsorge bei familiärer Belastung

Die folgenden Angaben sind Orientierungswerte, die sich an internationalen Empfehlungen anlehnen. Ihr persönlicher Untersuchungsabstand hängt vom Befund ab und wird von Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt festgelegt. Weitere Informationen finden Sie im Beitrag Wie oft zur Augenuntersuchung?.

Familiäre VorbelastungEmpfehlung (Orientierung)
Glaukom bei Eltern oder GeschwisternErste Glaukomuntersuchung spätestens ab 40, oft früher; danach je nach Befund alle ein bis zwei Jahre
AMD bei Eltern oder GeschwisternUntersuchung der Makula ab etwa 50, Selbstkontrolle mit Amsler-Gitter, Rauchverzicht
Hohe Kurzsichtigkeit in der FamilieKinder regelmäßig untersuchen lassen, viel Zeit im Freien; Erwachsene mit hoher Myopie regelmäßige Netzhautkontrollen
Erbliche NetzhautdystrophieUntersuchung von Familienangehörigen bei Symptomen, humangenetische Beratung
Schielen oder Schwachsichtigkeit bei GeschwisternAugenärztliche Untersuchung des Kindes möglichst früh, spätestens im Kleinkindalter
Rot-Grün-SchwächeFarbsehtest bei Söhnen, vor allem vor der Berufswahl

Wann die erste Untersuchung bei Kindern sinnvoll ist, erläutert der Beitrag Wann sollte ein Kind zum ersten Mal zum Augenarzt?.

Was Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sagen sollten

Viele Menschen wissen nur ungefähr, welche Augenkrankheiten in ihrer Familie vorkamen. Es lohnt sich, nachzufragen und die Informationen zu notieren:

  1. Wer war betroffen? Eltern, Geschwister, Kinder, Großeltern, Onkel und Tanten.
  2. Welche Erkrankung? So genau wie möglich, zum Beispiel grüner Star statt einfach Augenprobleme.
  3. In welchem Alter? Ein früher Beginn kann auf eine stärkere genetische Komponente hinweisen.
  4. Wie schwer? Kam es zu Erblindung, waren Operationen nötig?
  5. Weitere Erkrankungen: Diabetes, Bluthochdruck oder Autoimmunerkrankungen in der Familie sind ebenfalls relevant.

Glaukom wird oft mit grauem Star verwechselt. Grauer Star (Katarakt) ist eine Trübung der Linse, grüner Star (Glaukom) eine Schädigung des Sehnervs. Fragen Sie im Zweifel nach Arztbriefen oder Medikamenten Ihrer Angehörigen; Augentropfen gegen erhöhten Augendruck sind ein Hinweis auf ein Glaukom.

Wann Sie sofort zum Augenarzt sollten

Unabhängig von der Familiengeschichte gilt: Gehen Sie umgehend zum Augenarzt oder in die Notaufnahme, wenn:

  • plötzlich Lichtblitze, viele neue schwarze Punkte oder ein Schatten im Gesichtsfeld auftreten, besonders bei hoher Kurzsichtigkeit
  • gerade Linien plötzlich verzerrt erscheinen oder ein dunkler Fleck in der Mitte auftritt
  • ein Auge rot, hart und schmerzhaft ist, verbunden mit Kopfschmerzen, Übelkeit und verschwommenem Sehen
  • Sie plötzlich auf einem Auge deutlich schlechter sehen
  • Sie bei einem Kind ein weißes Aufleuchten der Pupille auf Fotos oder ein neues Schielen bemerken

Fazit

Ihre Familiengeschichte ist eines der wertvollsten Werkzeuge für Ihre Augengesundheit, und sie kostet nichts. Glaukom, Makuladegeneration, hohe Kurzsichtigkeit, erbliche Netzhauterkrankungen und Farbsehschwächen treten familiär gehäuft auf. Wer davon weiß, kann früher und gezielter vorsorgen. Fragen Sie in Ihrer Familie nach, notieren Sie die Antworten und erzählen Sie bei jedem Augenarztbesuch davon. Gene sind kein Schicksal, aber ein guter Grund, genauer hinzusehen.

Häufig gestellte Fragen

Ist grüner Star erblich?

Das Offenwinkelglaukom tritt familiär deutlich gehäuft auf. Verwandte ersten Grades haben ein mehrfach erhöhtes Risiko. Es folgt meist keinem einfachen Erbgang, sondern entsteht aus mehreren genetischen und anderen Faktoren. Regelmäßige Kontrollen ab spätestens 40 Jahren sind sinnvoll.

Meine Mutter hat Makuladegeneration. Werde ich sie auch bekommen?

Ihr Risiko ist erhöht, aber nicht sicher. Neben Genen spielen Rauchen, Ernährung und andere Faktoren eine wichtige Rolle. Verzichten Sie aufs Rauchen, essen Sie viel grünes Gemüse und lassen Sie die Makula ab etwa 50 Jahren regelmäßig untersuchen.

Wird Kurzsichtigkeit vererbt?

Kinder kurzsichtiger Eltern werden häufiger kurzsichtig. Gene und gemeinsame Lebensgewohnheiten tragen beide dazu bei. Viel Zeit im Freien kann das Risiko bei Kindern senken, und es gibt Behandlungen, die das Fortschreiten verlangsamen können.

Warum sind Männer häufiger farbenblind?

Die Rot-Grün-Schwäche wird über das X-Chromosom vererbt. Männer haben nur ein X-Chromosom, sodass eine veränderte Kopie ausreicht. Frauen haben zwei und sind deshalb meist nur Überträgerinnen.

Sollte ich einen Gentest machen lassen?

Für häufige Erkrankungen wie Glaukom oder AMD wird ein Gentest im Alltag derzeit nicht empfohlen, da er die Behandlung nicht verändert. Bei Verdacht auf eine erbliche Netzhauterkrankung kann eine genetische Diagnostik mit humangenetischer Beratung dagegen sehr sinnvoll sein.

Ab wann sollte ich bei familiärem Glaukom zur Vorsorge?

Als Orientierung gilt spätestens ab 40 Jahren, bei sehr frühem Beginn in der Familie auch früher. Die Untersuchung sollte neben der Druckmessung auch die Beurteilung des Sehnervs umfassen. Der weitere Abstand richtet sich nach dem Befund.

Mein Kind hat einen schielenden Bruder. Muss es untersucht werden?

Ja, Schielen und Schwachsichtigkeit treten familiär gehäuft auf. Eine frühe augenärztliche Untersuchung ist sinnvoll, weil eine Schwachsichtigkeit nur im Kindesalter gut behandelt werden kann.

Quellen
  • American Academy of Ophthalmology – Glaucoma: Who Is at Risk?
  • NHS – Glaucoma: Causes and free eye tests for close relatives
  • National Eye Institute – Age-Related Macular Degeneration: Risk factors
  • National Eye Institute – Retinitis Pigmentosa
  • National Eye Institute – Color Blindness: Causes
  • Wolffsohn JS et al. IMI – Myopia Control Reports Overview and Introduction. Investigative Ophthalmology & Visual Science 2019
  • Royal College of Ophthalmologists – Inherited retinal disease (patient information)

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